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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 5-6 · p. 364

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 5-6
Article
Deutschtum und Judentum
Date
1919-01-01
Page
364 (sequence 7)
Language
German
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364 Jakob Klatzkin: kann von einer schöpferischen Verbindung zwischen Judentum und Deutschtum auf Grund unseres deutschen Exils die Rede sein. Und wie das französische Galuth, wird auch das deutsche Galuth keine tiefen Spuren im jüdischen Geiste zurücklassen. Man ziehe folgende Erscheinung in Erwägung. Das Gros der Juden spricht eine deutsche Mundart: den Jargon. Die Sprache ist einer der wichtigsten national-kulturellen Faktoren der Assimilation. So hätte eigentlich der Jargon eine assimilatorische, d. h. germanisierende Wirkung auf die Juden ausüben müssen. Doch hat sich die jargonsprechende Judenheit trotz jahrhundertelangem sprachlichen Anschluß kulturell dem Deutschtum nicht assimiliert. Auch das jüdische Bewußtsein blieb national unverletzt; nicht das leiseste Gefühl einer Zugehörigkeit zum Deutschtum oder auch nur einer geistigen Gemeinschaft mit deutscher Art ist im jüdischen Bewußtsein anzutreffen. Wir haben die fremde Sprache judaisiert; sie heißt auch: Jüdisch. Viele, wie auch Cohen, wollen jetzt im Jargon ein kulturelles Bindeglied zwischen Judentum und Deutschtum entdeckt haben. Aber gerade das Schicksal dieses deutschen Dialektes spricht gegen sie. Er zeugt von der Wesensfremdheit zwischen Judentum und Deutschtum, da nicht einmal der mächtige Einfluß der Sprache imstande war, uns auch im mindesten imDenken und Fühlen zu germanisieren. Kurz: weder wurde das Deutschtum durch das Christentum judaisiert, noch das Judentum durch den Jargon germanisiert. Bakunin sagt: Die Juden haben sich die deutsche Sprache als Nationalsprache angeeignet, so daß die Kosaken glaubten, die Deutschen wären nur getaufte Juden . . . Will Cohen noch weiter gehen und nicht nur Judentum im Deutschtum, sondern auch Deutschtum im Judentum entdecken? Gewiß besteht eine kulturelle Verbindung zwischen Deutschtum und der deutschen Judenheit — wie zwischen Franzosentum und den Juden Frankreichs und dergl. — aber nicht zwischen Deutschtum und Judentum im allgemeinen. Oder will etwa Cohen das Wesen des Judentums nicht nach den festen Wurzeln des jüdischen Volkstums im Osten, sondern nach dessen entkräfteten Zweigen im Westen beurteilen? Will er als Repräsentanz und Musterbild des jüdischen Geistes den jüdischen Assimiiationstypus und doch nicht die Assimilanten überhaupt, sondern ausschließlich die deutschen Assimilationsjuden gelten lassen? In der Tat, Cohen verfährt so. Gewiß kann man viele Vergleichsmomente und Ähnlichkeiten zwischen dem jüdischen Volke und dem deutschen finden. Und nicht nur in dem ihnen gemeinsamen Wissensdurst, in der jüdischen Pflicht des Thorastudiums und der deutschen Schulpflicht; oder in den ihnen gemeinsamen Zügen des sittlichen Ernstes und der sittlichen Achtung vor allem Geistigen und allem Menschlichen (Treitschke: „Die menschliche Achtung vor allem Menschlichen ward dem Deutschen zur anderen Natur" — meint auch, wie aus dem Zusammenhange dieses Satzes hervorgeht: vor allem Geistigen). Man kann auf tiefere Analogien hinweisen, z. B. auf die Seelenanlage der Wahrhaftigkeit, die beiden Völkern innewohnt Wahrheit ist nicht nur, wie unsere Weisen sich ausdrücken, der Stempel des jüdischen Gottes und nicht nur die Triebkraft des prophetischen Pathos; sie ist der bleibende Grundzug unseres Volkscharakters in all unseren Wandlungen,

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