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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 5-6 · p. 363

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 5-6
Article
Deutschtum und Judentum
Date
1919-01-01
Page
363 (sequence 6)
Language
German
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Deutschtum und Judentum 363 HI- Judentum und Deutschtum Gewiß hat die deutsche Kultur wiederholentlich den Einfluß des jüdischen Geistes erfahren; sei es durch die Psalmen, die vornehmlich die deutsche Lyrik befruchteten — es ist jedoch grundfalsch, das Alte Testament oder die Propheten als eine Quellkraft des Deutschtums zu bezeichnen —, sei es durch den Anteil der Juden an deutscher Literatur, Kunst und Wissenschaft. Aber diese ästhetischen Einschläge und Zusammenhänge können keineswegs als eine wesentliche Verbindung des Judentums mit dem Deutschtum angesprochen werden; noch weniger Verbindung bedeutet der Anteil der Juden an deutschem Geistesleben, der niemals für die Deutschheit richtunggebend und lebensbestimmend werden konnte. Einwirkungen dieser und ähnlicher Art haben auch auf die Kulturen Frankreichs, Englands und Italiens stattgefunden. Gewiß haben wir von der deutschen Umwelt, in der wir lebten, manches aufgenommen; aber wir haben auch von Spanien, Frankreich, Italien vieles empfangen. Diese Beeinflussung drang nie in die Seele des jüdischen Volkes; sie war eine dünne Schicht, die sich über unser Leben lagerte, ohne es in seinen Inhalten und Formen wesentlich zu bestimmen. Wir waren freilich nicht isoliert, wir standen mit vielen Völkern in kultureller Wechselbeziehung und tauschten miteinander geistige Werte aus. Allein unsere nationale Individualität hat bei all diesen Berührungen keinen dauerhaften Schaden erlitten; sie hat das Fremdartige nie gut vertragen, es mußte aus dem Volkskörper ausscheiden. Wäre es angängig, das Judentum auf die fremden Einflüsse, denen es zeitweilig ausgesetzt war, zurückzuleiten und einzustellen, so könnte man in dieser analystischen Zerstückelung auch-finden, daß der jüdische Geist mit dem Geiste der Slaven eine Verbindung einging. Viele synagogale Gesänge im Osten sind von Motiven slavischer Melodien durchwirkt, viele jüdische Volkssitten (z. B. unsere polnische Tracht, die Purimspiele u. a. m.) sind fremden Ursprungs, gegen die wir uns seinerzeit wehrten, die aber in Generationenfolge heilige Nationalbräuche geworden sind, von denen unsere Weisen sagen: „Die Sitte Israels ist Gesetz". Die Fremdschicht, die dem Volkskörper in der Diaspora anhaftet, blieb Außenwerk, Beistrich, konnte jedoch nicht eine Verbindung ergeben. Zu groß ist die Kluft zwischen Israel und den anderen Völkern, als daß es für das Judentum möglich wäre, S1ch mit einem fremden Geiste zu paaren, auch wenn es jahrhundertelang in der Mitte des fremden Volkes seinen Exil hatte. Hat sich ein Teil der Juden — der Juden, nicht des Judentums — mit der fremdnationalen Kultur verbunden, so ging er in ihr auf und trat eo ipso aus dem Judentum aus, wenn auch nicht au* dem Wege der Taufe: Die Assimilation als nationaler Übertritt hat die gleiche, wenn auch weniger sichtbare Wirkung des Austritts wie die religiöse Taufe. Unsere Assimilanten konnten daher höchstens ihr Judesein subjektiv Vernichten, nicht aber das Judentum objektiv assimilieren. Insofern also eine mnere Verknüpfung der Juden mit einer fremden Kultur sich vollzogen hat, War es eine Auflösung der Juden in ihrem Wirtsvolk, das Erlöschen ihres Judentums, nicht eine Verquickung des Judentums mit dem Geist des Wirtsvolkes. Wie man von keiner schöpferischen Verbindung zwischen Judentum und Franzosentum auf Grund unseres französischen Exils reden kann, ebensowenig

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