Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Deutschtum und Judentum
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 362 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Jakob Klatzkin: populärer Ausdruck für den Schein und kein adäquater Ausdruck für das Wesen dieser Kultur? Sie ist römisch, griechisch und alles andere als christlich. Jean Paul fragt: „Wir haben einen ewigen Juden, wo aber ist der ewige Christ?" Er könnte einfacher fragen: Wir haben Juden, wo sind aber die Christen? Judentum ist eine Realität, Deutschtum ist eine Realität, Christentum aber ist eine Fiktion oder eine Antizipation, ist eine dünne Übertünchung tiefer unchristlicher Kulturschichten. Es gibt eine christliche Lehre, aber kein christliches Leben. Ist denn der christliche Staat christlich? Ist der Begriff des Christentums mit dem der Macht vereinbar? „Ein christlicher Staat, eine christliche Politik ist eine Schamlosigkeit, eine Lüge, etwa wie eine christliche Heeresführung" (Nietzsche). Sind die ununterbrochenen christlichen Judenverfolgungen christlich? Wenn es je wahre Christen gab, so waren es die ersten Judenchristen, und gibt es heute Christen, so sind sie vielleicht unter den christelnden Juden zu suchen . . . Aber die Kultur der christlichen Völker ist trotz aller Macht der Kirche in ihrem Wesensgrund unchristlich geblieben. Oder sollte etwa der Weltkrieg die Existenz einer christlichen Kultur beweisen? Israel Zangwill meint, dieser Krieg bedeute den Bankrott des Christentums. Dieses Urteil ist ungerecht, da die Voraussetzung falsch ist, als ob Christentum eine geschichtliche Kulturwirklichkeit wäre, die bankrott hatte werden können. Von einem großen Denker wie Hermann Cohen darf man verlangen, daß er den Geist einer Kultur nicht nach ihrem usurpierten Namen beurteilt, sondern nach ihren Wurzeln, nach den lebendigen Kräften, die in ihr auch nubewußt wirken. Das Deutschtum hat ein besonderes Recht, sich dessen zu rühmen, daß das Christentum es nicht vermochte, das nationale Gepräge des deutschen Kulturgeistes, des Germanentums zu verwischen. Nicht christliche Demut, sondern germanischer Mut bestimmt die Eigenart des deutschen Geistes. Nicht christliche Askese, sondern hellenische Lebensfreude. Nicht umsonst haben sich berufene Vertreter des Germanentums mit Stolz Antichristen genannt. Sie kämpften für die Reinheit des Deutschtums, für die Befreiung der Siegfried-Seele, die in der Dürre des fremden Dogmas darbte. Ist nicht der Pantheismus — den Cohen als den größten Widerspruch zum Monotheismus versteht und verwirft — ein Grundelement des deutschen Geistes? Cohen gibt an einer Stelle zu, daß „trotz scheinbarer Anerkennung und Verjüngung des Christentums dennoch vielmehr der Pantheismus an seine Stelle trat" (Die rel. Bew. d. Gegenw., S. 20). Es ist nicht von ungefähr, wenn der Spinozismus eine so mächtige Wirkung in Deutschland ausgelöst und Dichter und Denker wie Goethe, Herder, Schelling, Schleiermacher u. a. m. schöpferisch befruchtet hat. Auch nicht zufällig hat der Antisemitismus gerade in Deutschland und im Deutschtum einen guten Nährboden gefunden: Judentum und Deutschtum sind zwei urtiefe Weltanschauungen, zwei große Kultursysteme, die sich gegenüberstehen. Cohen verletzt und schmälert die nationale Eigenart des deutschen Kulturgeistes, indem er ihm den germanischen Charakter nimmt und ihn unter dem Begriff der sogenannten christlichen Kultur verallgemeinert, um eine Verwandtschaft des Deutschtums mit dem Judentum herzuleiten.