Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Deutschtum und Judentum
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 361 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Deutschtum und Judentum 361 „Hier scheidet sich nun aber im Begriff der Religion das Judentum vom Christentum. Denn im reinen Monotheismus des Judentums hat der Gott der Gnade und Vergebung nur diese Bedeutung: das Ziel, den Erfolg, den Sieg der sittlichen Selbstarbeit des Menschen zu verbürgen . . . Die Transzendenz Gottes bedeutet die Suffizienz des Menschen für die Behauptung des Menschentums. Das Christentum hingegen nimmt an der Zweideutigkeit des Pantheismus teil und läßt schon an der sittlichen Arbeit selbst den Gott im Menschen teilnehmen" (Der Begr. der Rel., S. 66). „Während im Judentum das Verhältnis zwischen Mensch und Mensch aufgerichtet wird, wogegen Gott in den Hintergrund des Ideals zurücktreten muß, wird im Christentum das unmittelbare Verhäl tnis zwischen Mensch und Gott wieder aufgerichtet . . . Die Unmittelbarkeit soll nämlich den Mittler einschließen. Darum muß Gott zum Mittler werden, damit das Verhältnis zwischen Gott und Mensch unmittelbar werde. Dies ist die Differenz vom Judentum" (Rel. und Sittl., S. 44 u. 46.) Und wieder über den Begriff der Erlösung und des Messias: „Wir sind damit auf die schon äußerlich schärfste Differenz zwischen Judentum und Christentum gekommen . . . Denn Christus ist der Erlöser des Individuums, und nur dadurch kann er und will eres auch für die Menschheit bedeuten. Der Messias hingegen ist der Erlöser der Menschheit, und nur dadurch kann er und will er es auch für das Individuum werden" (a. a. 0. S. 51). Also die gleichen Momente, die das Judentum und Christentum scheiden, stellen die Verbindung dar zwischen Judentum und dem als Idealismus gekennzeichneten Deutschtum, das seine Grundquelle doch im Christentum hat. Ich will hier nicht die Richtigkeit der Cohenschen Abgrenzungen zwischen Judentum und Christentum untersuchen; ich führe nur Cohen gegen Cohen an, seine großen Lebenswerke gegen seine jüngste Schrift. Man kann es kaum begreifen, wie Cohen in einem Nachwort zur zweiten Auflage des „Deutschtum und Judentum" sagen darf: „Mein Bestreben war mein ganzes Leben hindurch und so besonders in dieser Schrift, Christen und Juden zu lehren, daß der Widerspruch zwischen diesen beiden geschichtlichen Erscheinungen in der Gegenwart ein trügerischer ist". Nicht: „besonders in dieser Schrift", sondern ausschließlich in ihr sucht er den Gegensatz zwischen Judentum und Christentum auszugleichen. Wir müssen aber Cohen gegen sich selber in Schutz nehmen und feststellen, daß er sein „ganzes Leben hindurch" bemüht war, diesen Gegensatz nicht vertuschen, zu lassen. * * * Auch abgesehen von diesem inneren Widerspruch, abgesehen von diesen. Differenzierungsmomenten, auf die Cohen immer als auf die tiefsten Gegensatze zwischen Judentum und Christentum hinzuweisen pflegte, auf die er aber jetzt die Brücke zwischen Judentum und Deutschtum durch Vermittlung des hristentums baut, muß das verbindende Zwischenglied an und für sich fragwürdig erscheinen. Kann man die Kultur der christlichen Völker und insbesondere die des deutschen Volkes im wissenschaftlichen Sinne als christlich bestellen und bewerten? Ist nicht der Terminus: christliche Kultur nur ein