Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Zur Geschichte der "Zionsliebe"
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 349 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Geschichte der „Zionsliebe" 349 frage, Mittel und Wege ausfindig zu machen, um es diesen schuldlosen, elenden Geschöpfen leichter zu machen, sich von den Fesseln zu befreien, die ihnen ihr jüdisches Los auferlegt hat. Trotz seinem vielen Suchen und Grübeln fand er aber wenig Befriedigendes. Zuviel waren der Umzäunungen und Verhaue, zu stark die pilpulistischen Festungen, die im Wege standen. Er wußte, daß man in der Umgebung R. Akiba Egers keinesfalls von irgendwelchen Kompromissen würde wissen wollen, wo es sich um ein Gesetz der Thora handelte. Gutmacher war der einzige in dieser Umgebung, der im stillen den Schmerz des rabbinischen Frauenbeschützers mitfühlte. Sie wurden treue Kameraden, lernten zusammen, führten vertraute Gespräche, hauptsächlich über die Lehre, aber auch ein wenig über weltliche Dinge. Es kam bisweilen vor, daß sie im Gespräch unwillkürlich, wie von selbst, auf Fragen der Philosophie und Metaphysik zu sprechen kamen, sodann auf eine Untersuchung der Begriffe des Guten und Bösen. All das gemeiniglich auf dem reinen Boden der heiligen Thora. Es gab aber auch Stunden, wenn auch sehr seltene, da vor ihnen gänzlich unerwartet Probleme auftauchten, auf die sie in der Thora keine Antwort finden konnten. Das waren für beide sehr schwere, bittere Stunden. Und mochten sie sich beide noch so abmühen, ihnen auszuweichen, so wiederholten sich doch ähnliche Zufälle immer wieder. Wie ihrer Scheu zum Trotz stießen die Kameraden immer öfter gerade auf die verbotenen Fragen. Bald begann es in den Köpfen der beiden jungen Rabbinatskandidaten zu gären. Sie fühlten sich unbefriedigt, bedrückt von der umgebenden Wirklichkeit, die ihnen zu eng erschien, und beide zog es in die unbestimmte Ferne. Bis der Tag kam, da ihr chaotischer innerer Drang eine klare Gestalt gewann. Beide beschlossen fortzugehen und gingen denn auch bald darauf. Aber nicht auf demselben Wege. Zuerst ging der Agunothverteidiger in die weite Welt: dort nahm er mit der ganzen Intensität seiner jugendlichen Seele die europäische Kultur auf und wurde im Verlauf der Zeit ein großer Fachgelehrter. Das war der nachmals berühmte Bibliograph und Altertumsforscher, der vieljährige Leiter der Judaica- Abteilung im Londoner British Museum: Josef Zedner. Auch Gutmacher ging. Aber in einer ganz anderen Richtung. Er begab sich zu sich selbst. Indem er sich von der Außenwelt gänzlich lossagte und sich gegen alle äußeren Eindrücke verschloß, konzentrierte er sein ganzes Wesen auf die innere Betrachtung. Hier hoffte er Licht für alle Zweifel zu empfangen. Darin kam ihm ein unerwarteter Zufall zu Hilfe. Eines Tages erblickte er in der Bücherei von R. Akiba Eger das Buch „Sohar". Als er es aufschlug, fand er den Rand fast aller Seiten mit eigenhändigen Glossen des Meisters beschrieben. Dies fiel Gutmacher besonders auf, weil es verlautete, R. Akiba Eger sei ein entschiedener Gegner der Kabbala und der Kabbalisten. Schon die ersten Bemerkungen aber zum Sohar überzeugten Gutmacher, daß der Meister nicht allein kein Gegner, sondern ein Freund der Kabbala war. Gutmacher stand vor einem Rätsel: wie war es zu verstehen, daß der Meister seine Sympathie unterdrückte und unbegründete Gerüchte über seine Anschauungen gewähren ließ? Er suchte das Rätsel so zu lösen, daß wohl in der Angelegenheit ein höherer Sinn stecke, den ein gewöhnlicher Mensch mit seinem gewöhnlichen Verstand nicht begreifen könne. Er erstand ein anderes Exemplar und begann mit großem Interesse zu lesen. Da wurde es ihm mit einem Mal hell. Der Sohar erschloß ihm neue Horizonte, offenbarte ihm Strahlen der reinen göttlichen Wahrheit. Im Sohar fand er das, was