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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 5-6 · p. 348

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 5-6
Article
Zur Geschichte der "Zionsliebe"
Date
1918-01-01
Page
348 (sequence 2)
Language
German
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348 S. L. Zitron: philen Gedanken klammerten als an das einzige Mittel, diese Seele von ihren Golusketten zu befreien und sie ihrem Urquell wieder zuzuführen. In diesem Geist warben sie im Volke für den palästinophilen Gedanken. Unter diesen romantisch-mystisch gestimmten Anführern der orthodoxen Palästinabewegung in Deutschland haben sich vor etwa sechzig Jahren einige Persönlichkeiten besonders hervorgetan, die der ganzen späteren Entwicklung der Palästinaarbeit ihre Prägung verliehen. In den folgenden Aufsätzen möchte ich auf Grund verschiedener historischer Quellen die Charakteristik dreier solcher Persönlichkeiten geben, die die ersten und vielleicht die einzigen unter der jüdischen Orthodoxie Deutschlands waren, welche in der Chibat-Zion nicht allein die Lösung von ökonomischen, sondern auch die der ewig-menschlichen, der seelischen Probleme des jüdischen Volkes gefunden zu haben glaubten. I. Rabbi Elijahu Gutmacher (1796 — 1874) In seiner frühesten Jugend war er ein ausgesprochener Mönchstypus; immer abgesondert, immer allein. Von seiner Kindheit an wanderte er in Schlesien von Jeschiwa zu Jeschiwa, überall Thora lernend, überall Gott dienend, sich in der Aboda übend. Auf seinen Wanderungen studierte er die Leute, lernte das Leben kennen und bemühte sich es zu begreifen. Dieses Studium wirkte auf den jungen Gutmacher zwiefach: einerseits machte es ihn weich und zugänglich für menschliche Leiden, andererseits stieß es ihn von der Menschheit ab, indem er zur Erkenntnis kam, der größte Feind und Bedrücker des Menschen sei niemand anders als der Mensch. Das führte dazu, daß er nicht suchte Freunde zu erwerben, daß er der Gesellschaft von Bekannten möglichst auswich, die Einsamkeit liebgewann, die Menschen floh und sich nur mit der eigenen Seele unterredete. Achtzehn Jahre alt kam Gutmacher nach der Stadt Posen. Dort studierte er auf der Jeschiwa des weltberühmten Rabbi AkibaEger, Rabbi Akiba erkannte gleich beim ersten Gespräch, daß dies kein gewöhnlicher Wohllerner" von jenem Schlag der Jeschiwa jünger war, die er bis dahin zu sehen bekommen hatte. Er machte ihn zu seinem ersten Schüler und erwies ihm besondere Gunst. Die Umgebung von R. Akiba Eger, die von Thora, Gottesfurcht und Wohltun erfüllt war, machte auf Gutmacher einen starken Eindruck. Die Kleinstadtrabbiner, die jungen und die alten, denen er in diesem Milieu begegnete, gewannen ihm Achtung ab durch ihre bescheidene Frömmigkeit und ihre unbegrenzte Menschenliebe. Mehr als alle anderen zog Gutmacher ein ganz junger und sehr begabter Rabbinatskandidat an. Dieser Kandidat hob sich unter seinen Kollegen dadurch hervor, daß er nicht aufhörte, sich für die schwere Lage der unglücklichen jüdischen Töchter, der sogenannten „Agunoth"*) zu interessieren. Das Schicksal dieser jungen verwelkenden Frauenwesen lag dem jungen Kandidaten am Herzen, und Tag und Nacht beschäftigte er sich mit dem Studium der verschiedenen Talmudstellen und Responsen, die Agunothfragen zum Gegenstand haben. Es wurde ihm zur Haupt- *) Frauen, deren Gatten sie ohne Ehescheidung verließen und vermißt werden; diese Frauen dürfen keine andere Heirat eingehen, bis sie geschieden werden oder der Tod der Männer authentisch festgestellt wird.

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