Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1918-01-01 · Heft 5-6 · p. 345

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 5-6
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1918-01-01
Page
345 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
90% known words query
IRI
…/3101111-3101126-3101131-3102283--1665-3102387
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Aus dem religiösen jLeben der Ostjuden 345 den Sabbatnachmittag der Lektüre ihrer sogenannten Deutsch-Chumesch- (Pentateuch samt Kommentaren im Jiddischen) oder „Mussar"- (ethischer) Literatur. Es sind dies ausschließlich in jiddischer Sprache, mit hebräischen Zitaten, verfaßte Bücher, welche agadisch homiletische Auslegungen des Pentateuchs wie der ganzen Bibel, Sammlungen agadischer Erzählungen sowie Lehren und Ermahnungen, aus dem ganzen Gebiete der jüdischen Ethik von der Bibel angefangen bis zu Ibn Pakudahs ,,Herzenspflichten" (Chobat halbabot) enthalten. Die populärsten unter ihnen sind: „Das Deutsch-Chumesch", „Zeenah urenah", „Nachlat Zebi", „Schebet mussar", „Menorat hamaor". Manche dieser Werke sind aus dem Hebräischen übersetzt, so z. B. Schebet mussar und Menorat hamaor. Manch herrliche Stelle oder Erzählung, die uns heute beim Studium unserer alten Literatur entzückt, erinnert uns an jene alten Sabbate, an denen wir sie, in frühester Jugend, aus dem Munde der frommen Mutter und Großmutter in kindlicher Andacht gehört haben. Bei näherer Bekanntschaft mit diesen „weiberschen sefarim" (Weiber-Literatur) erkennen wir jenen kristallreinen Born, aus dem unsere Mütter ihre heilige Sittlichkeit und die bewundernswürdige Seelenstärke geschöpft haben. Schon ein oberflächlicher Vergleich zeigt uns die himmelhohe geistige und sittliche Überlegenheit dieser altmodischen unmodernen Bücher über die geistige Nahrung der modernen in der europäischen Kultur aufgewachsenen jüdischen Frau. Übrigens ist diese alte „Deutsch-Chumesch"- oder „weibersche" Literatur noch heute stark unter den strengfrommen jüdischen Frauen im Osten verbreitet, was schon die immer erneuten Massenauflagen dieser Bücher beweisen. Nach dem „Minchah"-Gebete am Vorabend wird zum vorgeschriebenen dritten Sabbatmahle, dem sogenannten „Schalosch seudot" geschritten. Dieses wird im Familienkreise, zumeist aber auch in den kleineren Bethäusern, im sogenannten „Schilachen" (ein Diminutiv von Schul), im Privat-Minjan oder in der Klaus bei Beginn der Dämmerung von der ganzen Gemeinde eingenommen. Ist ein „Zaddik" im Orte, so finden sich die Chassidim bei ihm zum „Schalosch seudot" ein. Bei diesem Mahle werden gewöhnlich Brot, Fische und etwas Alkohol oder Bier gereicht, zu deren Beschaffung die Bemittelten unter den Versammelten schon am Freitag oder erst am Sonntag beitragen, ist jemand unter den Anwesenden, der im Laufe der nächsten Woche „Jahrzeit" hat, so stellt er in der Regel das „Schalosch Seudot"-Mahl der Betgemeinde bei. Bei ärmlichen Gemeinden repräsentiert gewöhnlicher Hering den sabbatlichen Festfisch, was jedoch der gehobenen Stimmung auch nicht im geringsten Abbruch tut Ein »Lamdan" trägt dann gewöhnlich ethische Sentenzen und homiletisch agadische Deutungen aus der „Parschah" (Wochenabschnitt) vor, die man gewöhnlich »Schalosch-seudot-Thora" nennt. Ist ein Zaddik oder ein Kabbalahkenner im Ort, so wird den versammelten Chassidim der Wochenabschnitt stets im kabbalistischmystischen Geiste gedeutet, was von vielen nicht verstanden aber von allen ^it Entzücken gehört wird. Es ist dies ein spezielles Genre der chassidischen Schalosch-seudot-Thora, das es bei den Zaddikim in Libawitz zu einer bedeutenden Entwicklung gebracht hat. Nachdem das „Thorasagen" beendet ist, wird m*t dem Singen der „Schalosch-seudot-Lieder" begonnen. Der Anblick eines solchen „Schalosch seudot" ist immer ergreifend und erhebend. Man fühlt sich in eine mystisch selige Stimmung, in eine dunkle,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.