Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 344 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101126-3101131-3102283--1664-3102386- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
344 Samuel Rappaport: gesanglich auf der Höhe stehen. Die Musik und die Stimmung gibt die ganze mitbetende Gemeinde. Manche verlassen am Freitagabend nicht die Synagoge, bis sie einen armen Zugereisten (Orach) gefunden haben, den sie mit sich nach Hause zu Tisch nehmen. Ein Orach findet sich gewöhnlich immer. Eine eigene Legendenbildung ist über den Sabbat-Orach entstanden. So z. B. daß der Prophet Elijahu oft als armer büßender Wanderer (sogenannter „Nawenadnik") oder als in Lumpen gekleideter „Dorfgeher" sich am Freitag abend in gastfreundliche jüdische Familien einladen läßt und ihnen seinen Segen spendet. Einer solchen Legende entstammt auch die bekannte chassidische Erzählung von Elieser, dem Vater des Baalschem, zu dem Elijahu am Sabbat eingekehrt sei und den er für dessen Gastfreundschaft mit der Geburt eines berühmten Sohnes gesegnet haben soll. Sobald man in dem hell beleuchteten und von Heiligkeit durchwehten Haus angelangt ist, werden mit dem „Schalom aleichem!"-Liede die nach einer alten jüdischen Tradition in jedem jüdischen Haus am Freitag abend einziehenden Engel begrüßt. Am „Mahle der Königin Sabbat" darf es nie, der Tradition gemäß, an Fisch, Fleisch und weißem Brote fehlen, wobei die herrlichen Tischlieder (Semirot) gesungen werden. Der folgende Tag ist dann dem Beten, der Ruhe und der Heiligung gewidmet. Die Seele fühlt sich am Sabbat durch das Wort Gottes gehoben und geheiligt. Die „lernende" männliche Jugend besucht, nach dem Mittagmahle und nach Absingung der „Semirot", in der Regel den Rabbiner oder einen anderen Lamdan (Gelehrten), um sich von ihm „verhören" zu lassen und auf diese Weise Rechenschaft von dem im Laufe der Woche geleisteten Talmudstudium zu geben. Mancher Jünger durchwacht in der Wiederholung des Pensums für das „Verhören" die ganze Nacht von Donnerstag auf Freitag. Gewöhnlich verbringt der Baal habajit (Bürger) den Sabbatnachmittag mit „Lernen" in Bibel und Talmud. Die minder Gebildeten, die selber nicht lernen können, versammeln sich in den kleinen Lehrhäusern, wo ihnen von einem sogenannten „Maggid" Bibel und Kommentare sowie Abschnitte aus ethischen und agadischen Werken vorgetragen und erklärt werden. Die Frauen widmen zumeist getrunken, „Tikun" (Verbesserung, Erlösung) genannt, weil mit dem darüber gemachten Segensspruch der Seele zur Erlösung verholfen wird. Dem, der die Jahrzeit abhält, wird zugerufen: Lechaim! masel tow! die neschumeh soll hüben ein alijeh! (Aufs Wohl! Glückauf! Die Seele soll eine Erhöhung erfahren!). Die Jahrzeiten berühmter Rabbiner werden in manchen Gemeinden von der ganzen Gemeinde bei festlichem Mahle gefeiert, bei welcher Gelegenheit Lehren des Verstorbenen wiederholt werden. Der traditionelle Todestag Mosis (7. Adar) wird übrigens in allen jüdischen Gemeinden der Welt (oft mit einem Mahle bei der Chewrah Kadischah) gefeiert. Insbesondere bei den Chassidim wird überdies außer den Jahrzeiten bedeutender Zaddikim noch ganz vorzüglich der 33. Tag im Omer (18 Tage im Monate Ijar) als der Todestag des berühmten R. Simon ben Jochai, des angeblichen Verfassers des „Sohar", durch Illumination, Tanz und Gesang,' wobei die bekannten „Bar Jochai"-Lieder gesungen werden, besonders festlich begangen. Dieses „Bar Jochai - Fest" ist ein echtes Volksfest. Es wird auch „Hilulu dbei R. Simon ben Jochai" („das Freudenfest des R. Simon ben Jochai") genannt. Es stammt aus Palästina, wo alljährlich am 33. im Omer Tausende und Abertausende Sephardim (selbst aus dem Innern Afrikas) und Chassidim nach Miron (Galiläa, bei Safed) wallfahren und dort am Grabe Bar Jochais bei meilenweit sichtbarer Illumination tanzen, jauchzen und schmausen. Unter die Armen wird Geld verteilt. Den Kindern wird dort das erstemal das Haar geschnitten, gewogen und dem Gewicht des Haares entsprechend Gold oder Silber den Armen geschenkt.