Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 343 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 343 gegen die sabbatlichen seidenen eingetauscht. Auch die Kinder werden gewaschen und umgekleidet. Die Sabbatlichter werden mit dem vorgeschriebenen Segensspruche und einem inbrünstigen Gebet in jiddischer Sprache, der sogenannten „Techinah", feierlich durch die Hausfrau angezündet. Die Sabbatstimmung ist da. Der Ostjude meidet nach Tunlichkeit am Samstag die Straße. Er sieht sie nur auf dem Wege zur Synagoge*) und zurück. Ein Spazierengehen in der freien Zeit ist ihm unbekannt und dem Geiste des Sabbat fremd. Er genießt die Sabbatfreuden ausschließlich im Bethause und im Kreise seiner Familie. Die richtige Stimmung kommt erst in der Synagoge beim Gebete, beim Absingen eines Psalms oder irgendeines anderen religiösen Hymnus. Wie schon oben erwähnt, verträgt der Ostjude keine Passivität in der Synagoge. Eine stille Andacht der Gemeinde beim Rezitieren der Gebete durch den Vorbeter scheint ihm bei seiner Impulsivität keine richtige Andacht zu sein. Es ist ihm fast unmöglich bei einem Hymnus wie z. B. „El adon al kol hamaassim" (am Samstag vormittag), der in lapidaren Sätzen die Allmacht Gottes preist, still mitzubeten und seinen Empfindungen Schranken aufzuerlegen. Allzusehr fühlt er sich gehoben und durch das lebendige Wort wie durch die Macht des Gesanges hingerissen, als daß er still und passiv bleiben könnte. Es ist dies nicht ein Beten aus Pflicht, bloß zur Erfüllung eines Gebetes, sondern die Befriedigung eines inneren Bedürfnisses der nach Gott sich sehnenden Seele. Der Kantor oder Chasan ist — mit Ausnahme der größeren Gemeinden — meist ein jeweilig ad hoc bestellter Funktionär. Zum Vorbeten kann jeder — auch nach der Tradition — herantreten, der außer dem Besitz der gesanglichen Mittel einen sittlich frommen Lebenswandel aufweisen kann. Es gibt viele, denen die Vorliebe für das Vorbeten („die Liebe zum Brettl" wird es im Osten genannt) geradezu zur Leidenschaft geworden ist und die nicht selten dadurch auch lästig werden. (Der Volksmund sagt, die Buchstaben des Wortes Chasan d. i. hebräisch Ch. s. n. bedeuten: Chasunim sennin narrunim d. h. Vorbeter sind Narren.) An gewissen Tagen im Jahr, so z. B. an den Sterbetagen der Eltern, den sogenannten „Jahrzeiten", sieht es jeder Ostjude für seine pietätvolle Pflicht an in der Synagoge vorzubeten und niemand würde es wagen, auch wenn er über keine gute Stimme verfügt, ihn daran zu hindern**). Der Vorbeter muß nicht immer *) Unter „Synagoge" verstehen wir die in jeder Gemeinde sich befindende große Synagoge, in welcher in der Regel in den größeren Städten die Mitnagdim beten, wie auch die Lehrhäuser „Bet hamidrasch", überdies auch kleinere Bethäuser, sogenannte Minjanim. Im Bet Hamidrasch und den Minjanim beten sowohl Chassidim wie Mitnagdim. Außerdem gibt es noch in jeder Stadt in größerer Anzahl sogenannte „Klausen" in Galizien, und „Stüblech" m Rußland und Polen. Die Klaus oder das Stübel ist die Spezialsynagoge der Chassidim. Die Chassidim eines Zaddik gruppieren sich in einer „Klaus" bezw. „Stübel" und werden nach dem Sitze des Zaddik genannt. So gibt es z. B. Beizer, Sadagorer, Gerer, Radziner, Libawitzer u.s.w. Klausen bezw. Stüblech. **) Der Sterbetag der Eltern, die sogenannte „Jahrzeit", hat im Osten, unter kabbalistisch chassidischem Einfluß, einen eigenartigen Charakter angenommen. Die „Jahrzeit" bedeutet hier keine Erinnerung an ein trauriges Ereignis, im Gegenteil, sie erhielt hier das Gepräge eines pietätvollen Festes. Nachdem der Kadisch des Kindes nach talmudischer Tradition die Seele nach den ersten n Monaten seit dem Tode des Verstorbenen aus den Leiden der Hölle befreit, kommt die Seele mit jedem Jahre in der Jahrzeit in eine höhere Himmelsregion. Deswegen wird am Tage der Jahrzeit morgens in der Synagoge — mit Ausnahme der großen Synagogen, in denen nichts genossen werden darf — etwas Alkohol