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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 5-6 · p. 342

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 5-6
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1918-01-01
Page
342 (sequence 3)
Language
German
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342 Samuel Rappaport: hier als reale Wirklichkeit. Vor Anbruch der Abenddämmerung erhält hier der Jude durch wunderbare göttliche Inspiration, nach einer talmudischen Tradition [Traktat Bezah 16], eine heilige Sonder-Sabbatseele, die „Neschamah jeterah", die ihn erst mit dem Ausgang des Sabbat verläßt, um am nächsten Freitag wiederzukommen. Diese Sonderseele — sein zweites heiliges Ich — ist es, die ihn sein von den täglichen Mühen und Brotsorgen bedrücktes, profanes Ich vergessen läßt und den demütigen abgehärmten Alltagsjuden zum stolzen und glücklichen Verlobten der „Braut Sabbat" macht. In Safed (Palästina) sah ich noch die entzückenden Gärten, in denen einst R. Jizchak Lurja mit seinen Getreuen singend und jauchzend, in schneeweißes Linnen gehüllt, am Freitag nachmittag der sehnsüchtig erwarteten Prinzessin Sabbat entgegenzugehen pflegte. Im Ghetto der Ostjuden gibt es keine Gärten. Wenn aber auch hier am Freitag abend, im Gebet, die Gemeinde, nach Absingung des „Lechah Dodi"-Liedes, sich zur Eingangstür wendend und begeistert das „Boi beschalom" (Komm in Frieden!) singt, das mit dem Doppelrufe „Boikallah! Boi kallah! (Komm o Braut! Komm o Braut! der chassidisch sephardische Ritus fügt noch hinzu Schabbat malketa! Sabbat die Königin!) ausklingt, dann fühlt man sich, wie von betäubendem Blumenduft berauscht, in jene Gärten und Ölbaumhaine versetzt, in deren Schatten einst R. Salomo halevi Alkabez, jener unsterbliche Sabbat-Troubadour, träumend und schwärmend sein unsterbliches „Lechah Dodi" sang. Schon an der Geschäftigkeit im ostjüdischen Hause am Freitag, vom Tagesanbruch angefangen, merkt man, daß hier ein lieber Gast — der Sabbat — erwartet wird. Das Mittagessen wird am Freitag vor 12 Uhr und in karger Ration eingenommen, damit das Sabbatmahl am Abend gut schmecke. Am Nachmittag wird ein Bad genommen*). Nach der Rückkehr vom Bad wird vom Sabbatfisch gekostet, um den Vorgeschmack des kommenden königlichen Sabbatmahles am Abend zu bekommen. Kaum wird aber durch den Synagogendiener „in Schul geklopft"**), hört das Werktagsleben ganz auf. Die Läden werden geschlossen und jedes Gewerbe eingestellt. Auf der Straße wird es mit einem Male still. Der Sabbatgeist weht durch das jüdische Viertel. Die Wochentagskleider werden *) Ein Reinigungsbad am Freitag „lekabod schabbat" (zu Ehren des Sabbat), ist für jeden frommen Ostjuden gleichsam obligat und wird fast wie ein traditioneller Brauch behandelt. **) Jeder wichtige Synagogengang wird vom Synagogendiener durch Klopfen mit einem Holzhammer (von der Form eines Schofar) an den Haustoren und Ladentüren angezeigt. Jede Art des Synagogenganges wird durch eigene spezielle Rhythmik im Klopfen charakterisiert. So will ich z. B. einige Arten der Rhythmik des Schulklopfens anführen. Am Freitag nachmittag wird ungefähr eine Stunde vor Sabbateingang „in Schul geklopft", das Schema ist folgendes: 4/4 | f fj \ j . Zu „Selichot" Synagogengang während der Bußtage in der Nacht vor der Morgendämmerung etwa 4 Uhr morgens, während der Woche vor dem Neujahrsfeste. Das Schema lautet: 4/4 |fj* \ | . Das Wecken zum Synagogengang für die sogenannten „Schomrim laboker", einen Kreis, der das ganze Jahr hindurch mit Tagesanbruch betet, lautet: 3/4 ß * 0 j fj jj* | j5*' |. In den kleineren Provinzstädten wird überdies anläßlich eines Todesfalles die Gemeinde durch Klopfen und Rufen „Geht zu mes mizwah!" (Geht zum vorgeschriebenen letzten Geleite eines Toten) zum Totenhause versammelt. In mehreren kleinen Provinzstädten weckt der Synagogendiener frühmorgens die ganze Gemeinde zum Synagogengange mit dem Rufe: Jisruel bnei kedojschim steit auf und gehts zi awojdas habojre!" (Israel, Kinder heiliger Vorfahren, stehet auf und geht zum Dienste des Schöpfers!)

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