Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 341 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 34* Ostjuden ist die Orgel in der Synagoge, als Mittel zur Hebung der Andacht und der religiösen Stimmung, völlig unverständlich. Abgesehen davon, daß eine Orgel im Gotteshause als geschmacklose Nachäffung eines fremden Kultus der Seele des Ostjuden zuwider ist, steht sie in krassem Widerspruch mit dem Geiste der jüdischen Tradition. Äußere künstliche Mittel wie z. B. Orgel, gedämpftes Innenlicht u. dgl., in der Kirche wohl berechtigt, sind in der Synagoge überflüssig, wenn nicht störend. Der Ostjude bedarf in der Synagoge der äußeren Eindrücke nicht. Er schöpft seine Andacht aus seinem Innern und aus dem Inhalt der von ihm tiefempfundenen Gebete. Wer je einem ostjüdischen Gottesdienst verständnisvoll beigewohnt hat, wird diese Tatsache bestätigen. Die richtige religiöse Stimmung wie die Begeisterung werden hier überdies durch die aktive Teilnahme aller Betenden und das Aufgehen des Individuums in den Wellen des allgemeinen Gesanges gefördert und nicht selten bis zur Ekstase potenziert, Die Orgel in der Synagoge, als Mittel zur Hebung der Andacht und der Stimmung, gleicht, nach ostjüdischen Begriffen, einem ärztlichen Eingriff, der die Wiederbelebung oder Beschleunigung der Herztätigkeit eines erschlafften oder halbtoten Körpers versucht. Die Synagoge ist dem Ostjuden die Hauptdomäne seines eigentlichen Ich und diese will er sich unverfälscht erhalten. Hier offenbart sich seine Lebensfreudigkeit, das Vergessen im bitteren Kampfe ums Dasein, die Flucht aus dem Schmutz der Straße in die reine Welt des Glaubens. Hier lebt er nicht als schwaches hilfloses Individuum, als Einzelwesen, sondern als Glied einer großen und mächtigen Gruppe, als Kind seines ewigen stolzen Volkes. Seine Betätigung im religiösen Leben ist für den Ostjuden die Manifestation seiner noch immer jugendfrischen jüdischen Volksseele. Sie lebt in der jüdischen Religion und in ihrer Tradition, in der sie sich auch offenbart. Das jüdisch Religiöse ist hier zugleich auch das jüdisch Völkische. Ein religiöses Fest ist zugleich ein jüdisches Volksfest. Der Brennpunkt im religiösen Leben des Ostjudentums ist der Sabbat. An ihm offenbaren sich die charakteristischen Merkmale seiner besonderen Eigenart. Der Sabbat ist nicht bloß jener gebotene Ruhetag, dem man in gewissenhafter Erfüllung aller gebotenen Vorschriften gerecht werden müsse, auch wenn diese oft nicht geringe Opfer, so z. B. daß infolge der gesetzlich obligaten Sonntagsruhe zwei Tage in der Woche gefeiert werden muß, erheischen. Dem Ostjuden ist der Sabbat zugleich die leibliche Wonne (oneg schabbat), jener unerschöpflich lebendige Quell, aus dem er sittliche und seelische Stärkung wie Widerstandsmöglichkeit gegen die Unbill der sechs Wochentage schöpft. Ist der Sabbat sonst an sich ein Tag der Heiligung, der beschaulichen Ruhe und der Weihe, so ist er hier überdies der Tag der höchsten freudigen Glückseligkeit als Ausfluß einer besonderen göttlichen Gnade. Die alte Legende von der märchenhaften Wandlung, die sich in jedem Juden am Vorabend dieses Tags vollzieht— die in Heines „Prinzessin Sabbat" dichterischen Ausdruck gefunden hat — erscheint niitunter Zugereiste aus der Provinz, die aus Neugierde hinkommen. Die eigentlichen „Balei- Batim" d. i. die Sitzinhaber dieses Tempels (die Repräsentanten der jüdischen Intelligenz) besuchen ihn nur an den hohen Festtagen und dies, mit wenigen Ausnahmen, in der Regel *ur stets kurze Zeit, bloß für die Dauer der Seelenandacht für die Verstorbenen („Jiskor").