Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 340 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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34° Samuel Rappaport: AUS DEM RELIGIÖSEN LEBEN DER OSTJUDEN*) x. Der Sabbat er je einen Feiertag oder einen gewöhnlichen Sabbat unter den Ostjuden und die unter ihnen herrschende Seelenfreude und heitere ungetrübte Stimmung miterlebt und mitempfunden hat, kann die lebendige Kraft beurteilen, die aus diesem Geiste strömt. Er weiß es, wie wenig sämtliche Reichtümer und Güter dieser Welt gegenüber dem unbegrenzten Glück, „ein Jüd zu sein", bedeuten. Das Judentum ist hier nicht eine beschwerende Last, welche ein religiöses Gebot oder ein sittlicher Imperativ zu tragen gebieten. Hier ist das Judentum eine Wonne, eine ewige Quelle ungetrübten Glückes und seelischer Freude. -Es stellt hier einen realen Wert dar, den alle Schätze der Welt nicht aufwiegen. Seine Lasten gleichen dem Tragen eines leichten heißgeliebten Wesens. Seine spezifische Eigenart und seine innere Wärme hat das religiöse Leben der Ostjuden in nicht geringem Maße dem Einfluß der lebendigen Kraft des Chassidismus zu verdanken. Dieser hat jedoch auf seinem Entwicklungswege nicht wenig Schwierigkeiten zu überwinden und Kämpfe auszufechten gehabt. Noch heute sind seiner Gegner, gerade in den Reihen des konservativen Ostjudentums (Mitnagdim) nicht wenige. Allein der Geist, der vom Chassidismus ausgegangen ist, hat sämtliche Ostjuden (mit Ausnahme der sogenannten „Aufgeklärten", die selber oder spätestens deren Nachkommen in der radikalen Assimilation verschwinden) in seinen Bann gezogen und ihrem Religionsleben seinen eigenen unvertilgbaren Stempel aufgedrückt. Wenn auch das religiöse Leben der Mitnagdim nicht jene potenzierte Wärme und jene impulsive Aktivität hat, die dem der Chassidim innewohnt, so ist doch der eigentümliche ostjüdische Geist dem Wesen nach hier wie dort derselbe. Nur ein Einheimischer kann die geringen Differenzierungen merken; dem Außenstehenden bleiben sie unsichtbar. So ist z. B. der Gottesdienst bei allen Ostjuden, Chassidim wie Mitnagdim, in jeder Hinsicht, seiner äußeren Form nach, grundverschieden vom kühlen, formell peinlich geordneten und oft theatralisch anmutenden Gottesdienst der Juden im Westen. Derselbe Gegensatz zieht sich durch den ganzen Komplex des religiösen Lebens: die, durch die Lebendigkeit des Inhalts beseelte Form im Osten gegen das Vorherrschen des rein Formellen im Westen. Wer das religiöse Leben und insbesondere die innere Bedeutung und den Charakter des Betens bei den Ostjuden versteht, begreift, warum die Orgel in der Synagoge, um die im Westjudentum so viel und so heiß gekämpft wurde und noch gekämpft wird, im Ostjudentum bis heute noch fast ganz unbekannt ist.**) Dem *) Die Reihe von Darstellungen, die mit diesem Abschnitt eröffnet wird, bildet den Hauptteil einer Monographie Dr. Samuel Rappaports, die „Werdegang und Charakteristik des religiösen Lebens der Ostjuden" betitelt ist. (Anm. d. Red.) **) In Rußland gibt es meines Wissens, außer in Odessa, keine einzige sogenannte Orgelsynagoge. Im Königreich Polen gibt es auch nur eine Orgelsynagoge und zwar in Warschau (auf der Tlumacka). Aber die Orgel soll dort, wie ich glaube, an Sabbaten nicht benutzt werden. In ganz Galizien gibt es ebenso bloß eine Orgelsynagoge, den sogenannten „Tempel" der Fortgeschrittenen in Lemberg. Dieser Tempel ist aber nur an Sabbaten und Feiertagen geöffnet und sehr spärlich besucht. Man sieht dort gewöhnlich außer Leidtragenden, die des Kadischs wegen kommen („Einjährige" genannt, weil sie nur im Trauerjahre die Synagoge besuchen),