Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Armenwesen und soziale Fürsorge im Ostjudentum
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 332 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3101111-3101126-3101131-3102282--1651-3102374- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
332 Leo Rosenberg: Bemühung und des von ihnen geleisteten Beitrages möglich. In den Kreis ihrer Aufgaben gehört auch die Rekonvaleszentenpflege, wie auch eine weitgehende Fürsorgetätigkeit verschiedener Art. Sind die traditionellen Bikur-Cholim und Linat-Hazedek-Vereine typische Einrichtungen der ostjüdischen Kleingemeinden, so ist das Vorhandensein von Krankenhäusern auf größere und große Städte beschränkt. Es ist ja das schon durch die hohen Errichtungs- und Unterhaltungskosten derartiger Anstalten erklärlich. Von den im Gouvernement Wilna 1898 gezählten 18 jüdischen Krankenhäusern bestanden 12 in größeren Städten (nach russischer Bezeichnung „Städten" schlechthin) und 7 in 68 „Flecken", mithin eine Anstalt auf 10 Kleingemeinden. Im Gouvernement Podolien bestanden in 17 Städten 6 Krankenhäuser, hingegen in 102 Flecken bloß 4 Anstalten, was ein Krankenhaus auf 3 Städte oder auf 25 Flecken ausmacht Im Gouvernement Grodno entfielen von 8 jüdischen Krankenhäusern 7 auf Städte und nur 1 auf sämtliche Flecken. Ein auffallendes Mißverhältnis besteht zwischen der Zahl der Krankenpflegevereine und der Krankenhäuser in den verschiedensten Gebieten. Nahezu die Hälfte der Krankenhäuser entfällt auf das südwestliche Gebiet (48), weit niedriger ist die Zahl dieser Anstalten im Nordwestgebiet (29). Es ist das auf die größere Bedürftigkeit der jüdischen Bevölkerung der nordwestlichen Gouvernements zurückzuführen. Hier werden die teuren Krankenhäuser durch die Krankenpflegevereine ersetzt, was auch in der hohen Zahl dieser (349) gegenüber dem Südwestgebiet (in) seinen Ausdruck findet Während die Bikur-Cholim-Vereine ihre Mittel wesentlich den Mitgliederbeiträgen entnehmen, erfordern die jüdischen Krankenhäuser selbstverständlich bedeutende Fonds. Diese Fonds werden nun auf recht verschiedene Arten geschaffen. Sehr häufig bildet Immobilien- und Landbesitz die Haupteinnahmequelle. Vielfach wird das städtische jüdische Krankenhaus auf Rechnung der am Orte bestehenden öffentlichen Apotheken, der Volksbadeanstalt, der städtischen Fleischerhallen und Schlachthäuser erhalten. Der Anstalt fließen dann sämtliche Einnahmen aus diesen öffentlichen Einrichtungen zu. Außerdem erfreuen sich aber auch die jüdischen Krankenhäuser im eigentlichen russischen Ansiedlungsgebiet des Genusses bedeutender Mittel aus der „Fleischtaxe" (in Polen aus Steuergeldern). Für eine große Zahl der Krankenhäuser bilden die Zuwendungen aus der Fleischtaxe die Haupteinnahmequelle. Den Vorzug des Genusses dieser Mittel haben diese Anstalten ihrer Legalität zu verdanken. Aufnahme in die jüdischen Krankenhäuser finden, gemäß den Statuten, jüdische Gemeindebürger, falls freie Plätze verfügbar sind — auch Nichtjuden und Auswärtige. An einzelnen Orten ist die Interkonfessionalität statutenmäßig festgelegt. Die Frequenz ist namentlich in den mit den modernsten Einrichtungen ausgestatteten und mustergültig verwalteten großstädtischen jüdischen Krankenhäusern eine überaus hohe; die Anstalten sind häufig dem Andrang nicht gewachsen, woraus sich manche Miß- und Übelstände ergeben. III. Talmud-Thorot. Einer der vornehmstenZweige der sozialen Fürsorge im Ostjudentum ist zweifellos das Armenschulwesen. Es gibt kaum ein nennenswertes jüdisches Gemeinwesen, das nicht eine „Talmud-Thora" unterhält. Jahrhunderte lang