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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 5-6 · p. 331

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 5-6
Article
Armenwesen und soziale Fürsorge im Ostjudentum
Date
1918-01-01
Page
331 (sequence 11)
Language
German
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IRI
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Armenwesen und soziale Fürsorge im Ostjudentum 331 Die sich auf 1200 Städte und Flecken erstreckende JCA'sche Erhebung von 1898 ergab folgenden Bestand: G Bikur-Cholim und Krankene le e Unat Hazedek-Vereine häuser Nordwest 349 29 Südwest in 48 Süd 32 16 Polen 173 19 665 112 Auf Vollständigkeit erheben diese Zahlen ebensowenig Anspruch wie die gesamten Ergebnisse der JCA'schen Umfrage. Zahlreiche Orte blieben unerreicht, aus ebenso vielen blieben die Angaben aus. Man darf es mit aller Bestimmtheit als unzweifelhaft hinstellen, daß es keine nennenswerte jüdische Gemeinde gibt, in der nicht einer dieser traditionellen Krankenpflegevereine besteht. Wie die Gemilut-Chassadim, so umfassen auch die Bikur-Cholimvereine alle Mitglieder einer Gemeinde; der Wirkungskreis dieser Vereine erstreckt sich namentlich auf sämtliche hilfsbedürftigen Gemeindebürger, auch auf Nichtmitglieder; wie überhaupt dem vom „Klal-Israel"-Gefühl beherrschten jüdischen Gemeindewesen Engherzigkeit und Sippengeist fremd sind. Diese ihre Tätigkeit aber nimmt die verschiedensten Formen an. Im großen ganzen erstreckt sich ihre Tätigkeit auf die Gewährung unentgeltlicher ärztlicher Behandlung und von Medikamenten (für letztere ist in den seltensten Fällen ein überaus geringer Preis zu entrichten). Sie gewähren auch die nötigen Mittel zum Besuch eines Kurortes oder irgend einer namhaften ärztlichen Kapazität im In- oder Auslande. Von größter Bedeutung und für diese ostjüdische Krankenpflege am bezeichnendsten sind aber die unbeschränkten persönlichen Dienstleistungen. Man kennt nämlich im ostjüdischen Städtchen weder „Krankenschwestern", noch irgendwelche berufsmäßigen Krankenpfleger. Diese Aufgabe liegt den Bikur-Cholim-Mitgliedern persönlich ob, die je nach Bedarf von der Vereinsleitung dazu bestimmt werden. Mit ergreifender Hingabe und Selbstaufopferung wird diese als die vornehmste Pflicht der Nächstenliebe empfundene Aufgabe erfüllt. Ist ein Mitglied ernstlich erkrankt, dann kennt niemand mehr Ruhe noch Rast. Und unbekannt und verpönt ist jede Art der „Ablösung**; alles ist auf die allerpersönlichste Dienstleistung gestellt. Nur in den dringendsten Fällen, unter Angabe gewichtiger Gründe, darf sich jemand seiner Pflicht entziehen. Für die Nachtwache bei Kranken wird vielfach durch spezielle Gruppen gesorgt. Diese Aufgabe fällt namentlich den „Linat-Hazedek"~Vereinen zu, wie e$ ja schon der Name besagt. Hervorzuheben ist auch die hervorragende Beeiligung der Frauen an diesem Werke der persönlichen Krankenpflege. Es bestehen auf diesem Gebiete zahlreiche Frauenvereine, die sich namentlich der Wöchnerinnenpflege widmen. Damit ist aber die Bedeutung der Bikur-Cholim-Vereine nicht erschöpft. Groß sind ihre Verdienste um die Volksgesundheit. In allzu zahlreichen fällen ist die Anstellung eines Arztes in den Kleinstädten nur dank ihrer fieser Institutionen in den mittelalterlichen jüdischen Gemeindewesen Italiens auf die in den ekannten Geschichtswerken von Vogelstein-Rieger und Abraham Berliner enthaltenen Schilderungen hingewiesen.

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