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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 5-6 · p. 330

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 5-6
Article
Armenwesen und soziale Fürsorge im Ostjudentum
Date
1918-01-01
Page
330 (sequence 10)
Language
German
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IRI
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330 Leo Rosenberg: 187 Kassen Ende 1908 über ein disponibles Kapital von ca 51/2 Millionen Rubel — 50 Rubel auf den Kopf eines Mitgliedes. 1911 erreichte die Gesamtzahl der Kreditgenossenschaften 595; die Zahl der Mitglieder betrug 300000. 417 Kassen wiesen ein Aktivum von is1/^ Mill. Rubel. (Es ist zu bemerken, daß in diesen Kassen die Juden 86,24 der Gesamtzahl der Mitglieder ausmachten.) Von der Gesamtzahl der Mitglieder gehörten 45,1 dem Handwerkerstand, 34,0 waren Kaufleute. Das Geschäftskapital bestand zu 63,40/0 aus Depositen, zu 18,6 aus Anteilen und 8°/0 aus Privatkredit. Der Geschäftsgewinn der gesamten Genossenschaften betrug x/2 Million Rubel. Die Durchschnittshöhe eines Darlehens betrug 93 Rub. 20 Kop.; bei 66,4°/0 der Darlehen überstieg die Darlehensfrist nicht 6 Monate. Unpünktliche Rückzahlungen machten 2,5°/0 aus, 96,7°/0 der Darlehen wurden auf Grund einer Bürgschaft gewährt. Der Zinsfuß schwankte zwischen 8 und i2°/0. Die Verwaltung der Kassen bestand vornehmlich aus Handel- und Gewerbetreibenden. Zu den Ausgaben der Genossenschaften gehörten auch erhebliche Zuschüsse an Kultus- und Wohlfahrtsinstitutionen. Die Verwaltung der neuen Kassen ist eine glänzende und erregt vielfach die Bewunderung des Außenstehenden, wie überhaupt ihr ganzes Wirken als mustergültig hingestellt werden darf. Nicht umsonst blicken sie auf eine Jahrhunderte alte Tradition zurück. Während die modernen genossenschaftlichen Darlehenskassen in den europäischen Ländern wesentlich Neuschöpfungen waren, stützten sie sich im Ostjudentum tatsächlich auf die Erfahrungen und Errungenschaften eines alten traditionellen Kleinkreditwesens. Hier haben Jahrhunderte vorgearbeitet und ein Übermaß all jener sozialen und geschäftlichen Tugenden gezeitigt, auf denen das Genossenschaftswesen beruht. Um die alte „Gemilut- Chassadim"-Wirtschaft dürfte es freilich bald geschehen sein. Obgleich die neuen und die alten Genossenschaften vielfach noch heute friedlich nebeneinander wirken, ja, oft ein echt freundnachbarliches Verhältnis an den Tage legen, so geht doch die elementare Entwicklungstendenz offenbar dahin, daß das Alte vom Neuen abgelöst wird. Wie auf allen Gebieten des ostjüdischen Wirtschaftslebens, so hat auch hier, und hier in ganz besonderem Maße, der Weltkrieg einen Wendepunkt herbeigeführt. Mehr denn je wird sich bald die Kreditfrage als eine Lebensfrage des ostjüdischen Wirtschaftsorganismus präsentieren. II. „Bikur-Cholim" und „Linat-Hazedek"~Vereine. Krankenhäuser. Die fast in jeder ostjüdischen Gemeinde bestehenden traditionellen Vereine für Krankenpflege unter dem Namen „Bikur-Cholim" und „Linat Hazedek" nehmen nicht allein hinsichtlich ihrer Zahl und Verbreitung, sowie ihrer eigentlichen Bedeutung eine der wichtigsten Stellen ein, sondern beanspruchen auch vom rein wissenschaftlich-objektiven Standpunkte das höchste Interesse. Denn wie die Gemilut-Chassadim-Vereine die Urform der Kreditgenossenschaften, so stellen diese Institutionen im Ostjudentum die älteste Form einer Sozialversicherung dar.*) *) Auch diese Institutionen haben sich aus ihrem ursprünglichen rein karitativen Charakter im ostjüdischen Milieu immer mehr zu ausgeprägten sozialpolitischen Einrichtungen entwickelt. Auf die ruhmvolle Geschichte dieser uralten jüdischen Einrichtungen, die im Mittelalter namentlich in den blühenden italienischen Gemeinden eine reiche und wahlgeordnete Wirksamkeit entfalteten, soll hier nicht eingegangen werden. Es sei in bezug auf das Werk

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