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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 5-6 · p. 329

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 5-6
Article
Armenwesen und soziale Fürsorge im Ostjudentum
Date
1918-01-01
Page
329 (sequence 9)
Language
German
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Armenwesen und soziale Fürsorge im Ostjudentum 329 zug, der ja für die gesamte wirtschaftliche und kulturelle Entwicklungsgeschichte des Diasporajudentums charakteristisch ist. Während, wie wir oben sahen, in der allgemeinen Kultur- und Wirtschaftsentwicklung es gerade die traditionellen jüdischen Institutionen waren, die das moderne kreditgenossenschaftliche Prinzip anbahnten, trug dieser Umbildungsprozeß im Judentum selbst einen sprunghaften, organisch unvermittelten, fremdwüchsigen Charakter. Als die Erkenntnis von der Notwendigkeit einer Reorganisation des Kreditwesens endlich auch in den Kanzleien des russischen Innern-Ministeriums zu tagen begann und die Regierung, auf westliche Vorbilder zurückgreifend, am 1. Juli 1895 die Gründung von modernen Kreditgenossenschaften Schulze-Delitzschscher und Raiffeisenscher Observanz durch einen neuen „Erlaß bezüglich der Ausgestaltung des Kleinkredits" in die Wege leitete, waren es nicht zuletzt die Juden, die die neue rechtliche Situation voll zu würdigen wußten. Kurze Zeit nach Bekanntgabe des erwähnten Erlasses war eine lange Reihe von genossenschaftlichen Spar- und Darlehnskassen an den verschiedenen Orten des Ansiedlungsgebietes ins Leben gerufen. Bereits Ende 1902 erreichten die aus vorwiegend jüdischer Mitgliederschaft bestehenden Kreditgenossenschaften die Gesamtzahl 50. Als aber die Gesuche von jüdischer Seite sich häuften und die Regierung, die bei ihrem trefflichen Erlaß an alles andere als an die Förderung des jüdischen Handels und Handwerks gedacht hatte sich veranlaßt fühlte, den „Übereifer" der Juden zu dämpfen, wurde im gleichen Jahre eine drakonische Bestimmung vom Stapel gelassen, derzufolge 2/3 der Mitglieder und die Verwaltung der Kreditgenossenschaft aus Christen bestehen müsse. Wenn man bedenkt, daß die erdrückende Mehrheit der Mitglieder der für Kleinhändler und Handwerker bestimmten Kassen innerhalb des Ansiedlungsgebietes natürlich Juden sind, so wird man die durch diese Verordnung entstandenen Schwierigkeiten ermessen können. Man hat sich freilich zu helfen gewußt. Eine große Verbreitung nahmen die Kreditgenossenschaften im russischen Reiche seit 1906, als ihre rechtliche Lage dank der Aufstellung eines Normalstatutes seitens der Regierung eine große Sicherung erfuhr. Auch das jüdische Kreditgenossenschaftswesen erfuhr seit diesem Jahre eine außerordentliche Ausbreitung. Im Jahre 1908 wurden in Rußland bereits 459 jüdische Spar- und Darlehenskassen gezählt, davon 393 im eigentlichen Rußland, 59 in Polen und 7 in den baltischen Provinzen. Hervorragende Verdienste um das neue jüdische Kreditwesen hat sich die JCA erworben, ihr hat ein überaus großer Teil der Darlehenskassen nicht allein Anleitung und weitgehendste Förderung, sondern auch einen beträchtlichen Teil des Gründungskapitals zu verdanken; die am Anfang geleisteten Vorschüsse der JCA bildeten gemeinsam mit den Mitgliedereinlagen und Depots das eigentliche Kapital der Genossenschaften. Von den erwähnten 459 Kassen im Jahre 1908 haben nicht wemger als 226 Vorschüsse von der JCA erhalten. Viele Kassen hatten inzwischen ihre Schuld an die JCA abgetragen. 1908 waren es nur 187 der JCA schuldenden Kassen. Allein um 1909 war die Zahl dieser Kassen bereits wieder auf 270 angewachsen. Die 187 von der JCA unterstützten Kassen im Jahre 1908 wiesen eine Gesamtmitgliederzahl von 106 311 auf. Ihre Wirksamkeit erstreckte sich auf eine jüdische Bevölkerung von 1040518 Köpfen. Ihr gesamtes Gründungskapital betrug 1308083,34 Rubel. An Depositen besaßen sie 3087734,19 Rubel. Das ausgeliehene Kapital erreichte 1908 10106414,41 Rubel. Insgesamt verfügten die

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