Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Armenwesen und soziale Fürsorge im Ostjudentum
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 325 (sequence 5)
- Language
- German
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Armenwesen und soziale Fürsorge im Ostjudentum 325 Charakteristisch für diese ostjüdischen Kreditgenossenschaften ist ihre halb philanthropische, halb geschäftliche Gebarung. Den Anschein von Wohltätigkeit trägt die ganze Art der Geldbeschaffung. Ihr Grundkapital haben sie häufig größeren Spenden zu verdanken. Weitere Mittel fließen ihnen oft aus den Geldern der „Fleischtaxe", nicht selten auch aus den Erträgen von „Wohltätigkeitsabenden" zu. Eine der wichtigsten Einnahmequellen bilden die wöchentlichen Mitgliederbeiträge, die in Anbetracht des Umstandes, daß die Mitglieder der „Chewra" schlechthin mit allen selbständigen Gemeindebürgern identisch sind, nicht unerheblich sind. Die „Genossenschaften" („Chewrot") urri^ fassen nämlich die gesamte Ortsgemeinde. Diese Mitgliederbeiträge schwanken gewöhnlich zwischen 50 Kopeken bis 3 Rubel jährlich. Die Einkünfte aus diesen Beiträgen vermehren das Umlaufskapital ode* dienen vielmehr zur Deckung dei* entstehenden Ausfälle und Defizite. Die Mitgliederbeiträge bilden aber auch in überaus zahlreichen Fällen die einzige Einnahmequelle, aus der sich das ganze Geschäftskapital zusammensetzt. Ein großer Teil der Kassen entbehrt nämlich jedes eigentlichen Umlaufskapitals. l- Dieser Wohltätigkeitsanstrich beschränkt sich aber auch bloß auf die Art der Geldbeschaffung. Die Verwendung der Mittel erfolgt auf streng geschäftlicher Grundlage; jede Wohltätigkeit ist hier ausgeschlossen. Darlehen werden nur gegen ausreichende Sicherheiten gewährt, in den meisten Fällen gegen Faustpfand (so vornehmlich in den für mittellose Kleinhändler und Handwerker bestimmten „Gemilut-Chassadim"-Vereinen), in den selteneren Fällen gegen Schuldscheine und Bürgschaften. Letztere Sicherheit ist namentlich in den an mehr bemittelte Kaufleute und Geschäftsinhaber Darlehen und Vorschüsse gewährenden „Somech-Noflim" Chewrot üblich. Die Pfänder werden in einem eigens dazu hergerichteten Raum im oberen Stockwerk der Synagoge aufbewahrt und nach der Verfallszeit meistbietend versteigert.*) Der wahre genossenschaftliche Charakter unserer Institution tritt aber vor allem in dem Umstand der Zinslosigkeit zutage. Dank der durch die dargelegte Art der Geldbeschaffung bedingten Dividendenlosigkeit und Unabhängigkeit vom Bankkredit hat sich die völlige Zinslosigkeit der Darlehen durchführen und zum unverbrüchlichen Prinzip erheben lassen. Ausnahmen, wo ein Zinsr satz von 1 — 2°/0 statuiert ist, sind äußerst selten. Die Zins- und Dividendenpolitik bildet bekanntlich die verhängnisvolle Achillesferse der westeuropäischen Kreditgenossenschaften vom Schulze-Delitzschschen und Raiffeinsenschen Typus; Es ist das gewöhnlich der Punkt, wo die genossenschaftliche Institution in eine bei einem Aufenthalt in Hamburg die Tätigkeit dieser Kassen kennen lernte, war von ihrem erfolge so begeistert, daß er sich zur Gründung gleichartiger allgemeiner Darlehenskassen *a Berlin entschloß, die unter dem Namen „Caspari-Vereine" wohlbekannt wurden. Es wird berichtet, daß diese „Caspari-Vereine" Schulze-Delitzsch bei der Gründung seiner ersten genossenschaftlichen Kassen als Muster dienten. Sie waren tatsächlich die Urbilder «er modernen Kreditgenossenschaften (Vgl. Zeidler, Geschichte des deutschen Genossenschaftswesens). Tud*^Damit hat eS allerdings seine eigene Bewandtnis. Schwerlich entschließt sich ein die verfallenen Hausgeräte seines armen Bruders an sich zu bringen. Nicht selten erst Hf armen> zahhmgsunfähigen Schuldner seine paar Habseligkeiten heimlich zunickte •*r So wird allerdings das Geschäftsprinzip häufig von einem „blinden" Barmherzig- Keitsgefühl durchbrochen.