Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Vom jüdischen Zwiespalt
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 320 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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320 HansNatonek: Vom jüdischen Zwiespalt teresses der Zeit, steht der Sturz durch die Einheit bevor. — Nur der Zwiespalt, der nicht selbstverzückt das Spiel seiner ewigen Reibung betrachtet, sondern dem es blutig ernst ist um die Einheit, um die er glühend ringt, steht wohl doch noch höher, als die fertige Einheit, die keinen Kampf und keine Narben kennt. * * * Ein besseres und ein schlechteres Ich zu haben, ist eine ungeheure Gefahr; weil eine Wahl zu haben eine ungeheure Gefahr ist. Die Seele liebt die Einheit und schiebt die Wahl auf den Verstand ab. Und der Verstand entscheidet sich meist für das schlechtere Ich, weil es das bessere, leichtere Dasein gewährleistet. Der Jude hat ein besseres und ein schlechteres Ich, aber es kommt sehr häufig gar nicht zur Austragung des Kampfes, ja, nicht einmal zur bewußten Wahl: er drückt sich um sie herum, er macht sich's leicht, und wer es sich leicht macht, hat schon das schlechtere Ich gewählt. * * * Jude sein ist vor allem ein Charakterproblem. Jude sein, das allein macht es schon nötig, sich mit sich auseinanderzusetzen. Aber die meisten gehen an dieser Auseinandersetzung vorüber. Ähnlich, wie es dem Dichter höchstes Erlebnis ist, daß er Dichter ist, so müßte es dem Juden höchstes Erlebnis sein, daß er Jude ist. Er sollte über dieses Erstaunen gar nicht hinauskommen; er sollte, in dieses fragende Erstaunen gebannt, ganz erfüllt von diesem fragwürdigen Bewußtsein und von den Zweifeln und Rätseln seines Daseins, durchs Leben wandeln, so daß die Welt ganz klein und nebensächlich wird vor der unbewältigten, wirren Realität seines Ich. Diesen intellektuellen und kommerziellen Mechanismus, der sich moderner Jude nennt, möchte ich zertrümmern; diesen Mechanismus, der stolz darauf ist, sich nicht von den anderen Mechanismen zu unterscheiden, die da durch die Welt abschnurren. — Beim Anblick dieser beispiellosen Lebensenergie, dieser zähen Erfolggier, dieses erstaunlichen Alles-könnens der modernen Juden, kann man sich vor dem Ekel nur in diese Einsicht retten: sie haben das Geheimnis eines innersten Wesens; sie sind besser, als sie scheinen; sie haben ihr heimliches Eigentlich": eigentlich ist ihre Stärke ihre Schwäche, die, um jene zu überholen, die von Natur stark, einheitlich und unbedenklich sind, den vielfachen Aufwand an Energie zusammenraffen muß. Die Hingabe an das Wesensfremde zeitigt höhere, angespanntere Leistung, als die aus lässiger Einheit geborene. Der Jude ist im Vorteil, weil er (durch seine ganze Art und Stellung) im Nachteil ist. Aber wie hat die Welt und der Tag und die Stunde, kurz alles Häßliche, sich in unserem Innern festgesetzt und es verkrustet! Ewiges Volk, wie hast du dich so der eklen Zeitlichkeit verschreiben können! Schwingt nicht in deinem Blut der schwere Pendelschlag der Ewigkeit? Kommst du nicht aus Unendlichkeit der Zeit, fühlst du nicht die Stimmen besserer Väter in deiner Brust, sinnst du nicht, wohin du wandelst? Wie, bist du so springlebendig, als wärest du irgend ein beliebiges Volk von heute auf morgen? Und hastest ohne Selbstbesinnung durch deine Tage, als wären sie dein Alles? Wie, anstatt deine Tage wegzuwerfen, wirfst du dich selber an die Tage weg? Anstatt die Zeitlichkeit zu fliehen, fliehst du dein ewiges Ich? Du machst den schnöden Schacher mit, der die Seele hergibt für die satte Irdischkeit? Du meidest die Seele, weil