Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Vom jüdischen Zwiespalt
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 319 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Vom jüdischen Zwiespalt 319 Nicht minder tragisch ist die Möglichkeit (und sie ist keine bloße Konstruktion), daß die Instinkte des Erwerbes ein Individuum von seiner großen Aufgabe abbringen und ihm jene Unbedingtheit nehmen, die zu ihrer Erfüllung nötig ist; daß ein rechnerischer Geist, mit einer abscheulichen Witterung für das Nützliche und Nächste begabt, dem ins Ferne gerichteten fordernden Geist gleichsam in die Quere kommt. Hier liegt eine ungeheure Gefahr für den geistig schaffenden Juden. Voll Ideen und Forderungen, versucht er dennoch, aus Geist Geld zu machen. Der Erwerbssinn seiner Rasse und ihre bessere Geistigkeit liegen in schmählichem Widerstreit. Dem Wissen um die asketischen Entbehrungen und Martyrien des Geistes entspringt nicht der Mut, das Kreuz auf sich zu nehmen, sondern die Klugheit, solchen Fährlichkeiten des wahrhaftigen Geistes aus dem Wege zu gehen. Vor die Wahl gestellt, das Kreuz des Geistes zu nehmen, oder sich dem Weltsinn zu verschreiben, drückt sich der Jude am liebsten um sie herum und möchte beides wählen, in einer Hoffnung (an die er im Innersten selbst nicht glaubt), daß der Geist ein Kompromiß vertrage. Den innern Ruf zum Höheren und Höchsten über dem Lärm der Welt zu überhören; der Mangel an Mut und Kraft, diesem Ruf bis ans Ende zu folgen, dorthin, wo die erhabene Einöde des Geistes ist, die keinen Ertrag abwirft—: auch dies scheint mit ein Schicksal des jüdischen Charakters. Unter den geistigen Juden, besonders unter den schreibenden, wird man solche Zwitter mühelos finden. * * * Es scheint mir, daß der Jude, dank seiner intellektuellen Souveränität, stets in der Lage ist, wählen, abwägen zu können. Es liegt im Wesen der Wahl, die eine Vernunfthandlung, eine Spekulation und kein impetuoser Drang, kein triebhafter Affekt ist, daß ihre Entscheidung nach den Prinzipien praktischer Vernunft ausfällt. Weit glücklicher scheint mir ein Typus, der gar nicht zur Wahl kommt, sie gar nicht kennt, weil er vom Sturmwind seines Innern unerbittlich seiner Erfüllung zugetrieben wird. Keine Zweiheit des zu Wählenden hemmt den Flug des zwingenden Schicksals. Das Nichtanders-können überhebt, entrückt jeder Wahl. Der Wählende kann schließlich meist auch noch anders; vor sich das Glück des Geistes in Not und Armut, und das Glück der Erde in Reichtum, wird er fast immer dieses wählen, oder zumindest seine Wahl von diesem mitbestimmen lassen. Keine Wahl zu haben, erscheint mir dagegen an sich schon als ein höheres Menschentum (vielleicht aber auch nur deshalb, weil es meiner Art so gänzlich fern ist). Die Leidenschaft des Geistes, die ein Menschenschicksal ganz in ihrer Hand hat und mit ihrem Feueratem dorthin weht, wohin sie will, ohne daß ein andersgeartetes Kalkül dreinzureden hat, ist schön und großartig. Dieser Typus aber, glaube ich, gehört gänzlich arischer Wesensart an. Der Wählende ist ein jüdischer Typ. Gewiß steht der Wählende, der Zwiespältige höher, als einer, der es leicht hat, ein Ganzer zu sein, weil er ein Nichts ist. Aber nimmermehr kann ich den ehrfürchtigen Respekt, den der (ästhetische) Geschmack der Zeit dem Zwiespalt zollt, mitmachen, und es ist sehr kennzeichnend für einen allgemeinen Zerfall, daß man, in wähl verwandter Liebe, die Zwiespältigkeit über die Einheit stellt und daß sich der ganze Aufwand psychologischen Scharfsinns und moderner psychologisierender Dichtkunst auf die seelische Duplizität geworfen hat. Dem Zwitter, auf der Höhe des In-