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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 5-6 · p. 321

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 5-6
Article
Vom jüdischen Zwiespalt
Date
1918-01-01
Page
321 (sequence 4)
Language
German
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Leo Rosenberg: Armenwesen und soziale Fürsorge im Ostjudentum 321 sie einsam und leidvoll macht? Du entdeckst tausend Fertigkeiten in dir, rennst die belaufenen Straßen, machst alles mit, bist Zeitgenosse, kannst alles, obzwar du — sei stolz darauf — eigentlich nichts kannst, machst aus deinem wertvollen Minus ein minderwertiges Plus, machst aus dir, wenn es verlangt wird, dein Gegenteil und gibst es für dich selber aus? 0 über diese unselige Kraft, nichts anderes als Schwäche, die nicht standhalten und widerstehen kann! 0 über die Künste der Schwergewichtlosigkeit! Die Zeit hat dich, ewiges Volk, entwurzelt, aus der Ewigkeit gerissen und macht mit dir, was sie will. Du tanzest im Hexensabbath der Tage um die Götzen der Zeit. Und hörst nicht das Zerschellen der ewigen Tafeln, das mit ungeheuerem Ton zornig in der Zeit steht, als hätte sie ihn seit jenen Tagen bewahrt--— Ach, ich ringe mit dem Volke und meine mich; ich ringe mit mir und meine das Volk . . . Halle a. S. Hans Natonek ARMENWESEN UND SOZIALE FÜRSORGE IM OSTJUDENTUM IL*) Der hauptsächliche und wichtigste Teil der Gesamttätigkeit auf dem weiten Gebiete der Armenpflege und sozialen Fürsorge im Ostjudentum beruht auf der Grundlage der Privatwohltätigkeit. Die maßlose Verbreitung und das katastrophale Anwachsen der Armut unter der jüdischen Bevölkerung schienen jeden ernsten Versuch einer öffentlichen Regelung der Armenpflege schlechthin auszuschließen. In der Tat: einem Armenstatus von nahezu i9°/0 der Gesamtbevölkerung wäre kein Staat und keine Gemeinde gewachsen. Von einer gesamtstaatlichen Organisation des Armenwesens konnte nun im Ostjudentum natürlich keine Rede sein; die an der Grenze der finanziellen Leistungsfähigkeit stehende, obendrein in unsicheren rechtlichen Verhältnissen lebende ostjüdische Gemeinde aber konnte nicht daran denken, Steuermittel für diese Zwecke flüssig zu machen. Ein nicht minder starker und wirksamer ideeller Beweggrund ist in einer von tiefster Religiosität getragenen sozial-ethischen Weltanschauung zu erblicken, die vor jeder Entpersönlichung und Versach- *ichung der sittlichen Tat zurückscheut. Dieser letzte Umstand ist es, der bis heute jeden auf einer Normierung und Behebung der hervorstechendsten Übelstände hinzielenden Reformversuch hintan hält. So entbehrt die eigentliche Armenpflege bis heute jeder halbwegs öffentlichen Organisation und beruht fast durchweg auf individueller Wohltätigkeit. Diese individuelle Wohltätigkeit atar nimmt fast schrankenlose, für den Westeuropäer ganz unbegreiflich scheinende Dimensionen an. Die gesamte ostjüdische Gesellschaft ist tatsächlich *n zwei Kategorien einzuteilen: in Spender und Empfänger. Jeder, der nicht zur letzten Klasse gehört, zählt zur ersten. Daß aber diese allumfassende, auf alle Lebensverhältnisse sich erstreckende Privatwohltätigkeit sich jeder Er- *) Vgl. 1. Jahrgang, 11. Heft, S. 737 ff. Heft S/6. 22

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