Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1918-01-01 · Heft 5-6 · p. 317

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 5-6
Article
Von der Aufgabe der Juden in Europa
Date
1918-01-01
Page
317 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3101111-3101126-3101131-3102280--1632-3102359
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Von der Aufgabe der Juden in Europa 317 In den östlichen Teilen der Judenheit, die ja doch den europäischen Geistesschöpfungen noch fern stehen, scheint zumeist die europäische Erdgerichtetheit bis jetzt nur zu den Fähigkeiten, sowohl im Lebenskampf als in der Erkenntnis geführt zu haben. Im Talmud kann man das orientalische und okzidentale Vermögen gleichsam roh nebeneinander spüren. Gotterfüllte Frommheit in oft fast geriebener Auslegung. Die rationalistische also europäisch geschulte Abart der Juden hält in Osteuropa, in ihrer orientalischen Nachinnengekehrtheit nicht auf die Veränderungen des Außenlebens sehend, an der uralten Lehre fest, sie sind stockkonservativ. Weder sie noch der sich dem Gottesrausch überlassende Chassid haben die Erdbezogenheit als Prinzip in sich aufgenommen. Die europäischen Westjuden aber tragen die Erdgerichtetheit über die daraus gezogenen Fähigkeiten hinaus in ihrem Sein verarbeitet. Und in jenen, in denen die orientalisch-elastische Subjektivität noch nicht durch das logische Schema allzu sehr erstarrte, trifft seelische Geöffnetheit zusammen mit dem Interesse für das Leben der Umwelt: sie haben das große Erleben-können. Dieser Teil der westlich beeinflußten Juden besitzt die Kräfte des Seins und die des Tuns in glücklicher Mischung geeint. Die haben die Kraft, sich unzweckmäßig dem Unendlichen zu ergeben und zur rechten Zeit an die Endlichkeit zu denken. Sie fühlen sich und sehen die Welt. Sie können sich loslösen und sich zurückfinden. Ihre Seelen sind ungeheuer erweiterungsfähig und doch Werkzeuge eines Zieles. Ihr Pathos ignoriert nicht die Welt. Vielleicht ergänzt ihnen, den etwas Kulturgeschwächten, eine Auffrischung mit den primitiven doch ursprünglichen Ostjuden ihre Kraft zur Wucht. (Und auch diese werden sich wahrscheinlich bald die europäische Einstellnng erobern; ein besseres geschichtliches Schicksal wird die einseitige Entwicklung aller Juden korrigieren; unabsehbar, wie viele der Juden zu jener guten Legierung von Orient und Okzident gelangen werden!) Die Juden solcher Zusammensetzung haben, wie es scheint, besondere Anlage zu der Synthese, die wir Kultur nennen. Sie als Volk des Okzidents und des Orients sind wie etwa das Grenzvolk der Slawen hervorragend geeignet, an der Verwirklichung jenes Ideals produktiv tätig zu sein. Mit der Ausprägung ihres vollebigen Willens, in dem die Ichdurchdrungenheit ein Bestandteil ist, *n Europa müssen sie ein Gegengewicht sein zu dessen trockener Erdbedachtheit. Wenn durch die starken geistigen Empfinder die Notwendigkeit einer neuen Religiosität in das Bewußtsein der Zeit genügend gelegt wurde, wird diese Religiosität sich wieder verdichten zu einem sichtbaren Ausdruck. Dann werden die erscheinen, die mit ihrem eigenen Leben Bildner sind, und die neuen Forderungen mit ihren Gebärden weit sichtbar darstellen, so alles Volk durch die Kraft der Sinnlichkeit zu sich und ihrer Sache überredend. Das echte von allzuviel Erdbedenken an unbedingter Gefühlshandlung gehinderte Europa wird die Propheten nicht stellen können. Weil der Mensch durch Sehen mehr mitgerissen ^jrd, als durch Lesen, wird eine religiöse Erneuerung durch Taten, nicht durch Bücher vollführt. Unter den noch orientalischen Juden wird eher die Kraft des persönlichen Darstellens unbekümmert um die Wirklichkeit vorkommen, lese Gabe allein würde sie nicht zu den Propheten machen können, die die ulturwelt religiös zu erlösen vermöchten — wenn nicht der Inhalt ihrer Ver-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.