Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Von der Aufgabe der Juden in Europa
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 316 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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3i6 Alfred Lemm: des Seins zur Erreichung eines Standpunktes zur Welt. Die logische Erkenntnis hat ihrer Verwendung zu harren, ist nicht ihrer selbst wegen wertvoll. Sie ist ein Faktor, keine Summe. Nicht was der Europäer mit seinem kausalen Vermögen zustande brachte, sondern die seelische Einstellung selbst, die jenes sich entwickeln ließ, ist das, was ihn reicher als den Orientalen macht. Seine Erdbezogenheit schlechthin, nicht seine Fähigkeiten daraus, macht Europa dem Orient wahrhaft überlegen. Die Beachtung der Welt, die Fläche, tritt als Neues zu der orientalischen Tiefentendenz. Europäische Wissenschaftlichkeit und europäische Erdfreude, Naturfreude sind nur zwei verschiedene Ausstrahlungen — die logische und die gefühlsmäßige — der gleichen Grundrichtung auf die Fläche. Weil die Erde nun einmal da ist, erscheint es uns als ein Plus, wenn wir sie einbeziehen. In das europäische Bewußtsein ist die Erde eingegangen und soll nun nicht wieder hinaus. Nicht die Erfolge, sondern das Erlebnis Erde schlechthin hat Europa vor dem Orient wirklich voraus. Uns erscheint als Idealbild der Zukunft nicht der Mensch als wandelnde und redende Kausalität; aber auch nicht der Heilige, der, wenn auch noch so tief in sich schauend, das Leben links liegen läßt. Unsere Kunst soll nicht ichbetört in fremder Schönheit selbstverschlungen blühen, sondern Früchte des Heute, des Welterlebens bringen. Unsere Lebensführung soll nicht sein; härenes Gewand, indische Lammfrommheit, idealistisches Blickzurückziehen vor dem Sumpf des Zeitalters; sondern das Bestehende muß überwunden, das Technische dienstbar gemacht werden dem Neu-Seelischen. Uns ist Religiosität nicht nur Versinken in eigenen Welten in Tempeln auf Anhöhen vor der Stadt, sondern auch, daß in den heute lebenden Menschen ein wenig sich davon niedersetzt, was wir für ihr Glück halten. Kultur ist uns Icherleben und Welterleben. Warum anders ist denn Christus für den Europäer nicht mehr zwingend, als weil dessen Gedanken an die Verhältnisse der Erde ihn zu dem Einwurf treiben: „Was du predigst, kann unter'den gegenwärtigen Umständen des Lebenskampfes nicht erfüllt werden". Christus kann uns nicht mehr alles sein, weil er ein Einsiedler war. Nur ein Christus, in dessen ein neues Ethos bezeichnende Geste unser heutiges höllisches Wirtschaftsleben eingegangen ist, könnte uns erlösen. Weil in Europa Erdgerichtetheit ist, müssen sich die Religionen wandeln nach den Zeiten. Hier dringt in den Rausch der von hoher Liebe ganz Erfüllten aufweckend, heischend der Schrei der Mißverhältnisse in der Welt. Hier aber ist auch der Rationalismus, ein allgemeines Zuviel an Erdbezogenheit häufig, das sich sowohl in einem unberechtigt hohen Anteil des Logischen im Funktionellen der Seele, als in einem zu stark im Mittelpunkt stehenden Anwendungswollen in der Wirklichkeit äußert. Wo die Rücksicht auf die Erde den inneren Ruf übertönt, gibt es jene Geschäftigen, in denen der Ton restlos auf dem Tun liegt — obwohl doch zu gutem Tun das gute Sein die Voraussetzung ist. Die Propaganda wird wichtiger als das Propagierte. Der Mensch als soziales, will sagen, als ein Wesen, das die Augen auf die Umwelt offen hat, bedarf beider Seelentendenzen — der Bezogenheit und der Ichvertiefung. Er muß diese, die ihm das mächtige, bewegende Gefühl schenkt, so stark schwingen lassen, als die Weltbeachtung es zuläßt. Muß so viel Aufmerksamkeit der Welt widmen, als die Ichkräfte es zulassen. Synthese des „Orientalischen" und „Europäischen" scheint uns Kultur.