Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Von der Aufgabe der Juden in Europa
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 318 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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3i8 Hans Natonek: kündigung das Leben berücksichtigte. Doch sie, die Europäischen, halten den Blick ja auch auf die Welt gerichtet, wissen, was sie nötig hat. Europa wird brauchen können, was sie sagen, weil in ihnen das europäische Prinzip wirkend ist. Nur eine Mehschenart, welche erdbezogen ist und die unbezogene gelöste Kraft hat, weiß um das Wesen der uns nottuenden neuen Frömmigkeit— welche Himmel- und Erdewollen ist; nur solch eine Menschenart kann sie darstellen. Berlin Alfred Lemm VOM JÜDISCHEN ZWIESPALT Anmerkungen zur Problematik der jüdischen Seele Bei Betrachtungen über Entstehung, Entwicklung und Herrschaft des Kapitals wird dem Juden eine ganz besondere wirksame Rolle zugeteilt, die fast schon Mitschuld ist. Vom Tanz ums goldene Kalb bis zu den wissenschaftlichen Untersuchungen über die Stellung des Juden im Getriebe des modernen Kapitalismus führt ein und dieselbe mythologisch-historische Idee. Der Jude ist vom Mythos des Geldes wie von einer tragischen Schuld großartig umwittert. Sich von ihr zu lösen, wird dem Juden nichts anderes übrig bleiben, als die Herrschaft des Geldes, an deren Aufbau er mitgearbeitet hat, zu brechen. Diese große Aufgabe wartet auf ihn und könnte ihn entsühnen: an der Spitze einer kommenden Bewegung zu stehen, die ein Ekel vor dem Zeitgeist des Erwerbens und Besitzes ergriffen hat. Es ist vielleicht dem arischen Typus nicht gegeben, sich mit dem Problem: Geld so leidenschaftlich auseinanderzusetzen, wie es der Jude tut. Ja, es ist jenem vielleicht gar nicht ein Gegenstand irgendeiner philosophischen Überlegung oder eines besonders starken Affektes. Der erwerbstüchtige Neugermane ist in seiner Hingabe an das Geld oder in der Mißachtung desselben von einer gewissen Temperiertheit, fern jedem Extrem. Der Erwerbssinn, wenn auch eine seiner wichtigsten Daseinsfunktionen, ist doch noch nicht so gewachsen, daß er, schaudervolle Konflikte entfesselnd, in sein Seelenleben eingedrungen wäre. Am Gelde zu leiden, in der grenzenlosen Hingabe an es, in grenzenlosem Haß und in Verachtung, beides in affektvollem Extrem und oft auch beides in zwiespältiger Kuppelung, scheint mir eines der vielen Schicksale des jüdischen Charakters. Belanglos ist der Fall, wenn sich der Erwerbssinn eines Individuums bemächtigt, in dem sonst kein Wesenszug prominent ist. Hier ist kein Stoff für irgend einen Zwiespalt und Konflikt. Tragisch aber ist die grauenhafte Möglichkeit, daß Geld die verborgenen Quellen eines metaphysischen Dranges zuschüttet. Was an zarten Keimen, die zu Gottes Antlitz emporwollen, da ist, uralt vererbt von edelsten Vätern, wird überwuchert von Instinkten, uralt vererbt, die sich wie mit greifenden Händen unlösbar an die Erde klammern. Wir Juden kommen alle aus Moses, der in flammendem Zorn die Tafeln zerschlug, als er Aaron um das goldene Kalb tanzen sah; wir kommen alle aus Aaron, der um das goldene Kalb tanzte, indes Moses mit Gott Zwiesprache hielt.