Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Von der Aufgabe der Juden in Europa
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 315 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Von der Aufgabe der Juden in Europa 315 Sie besitzt noch das Selbstische, Rauschhafte, durch welches das Wesen die große Vertiefung erhält, und die Gabe der Erdaufmerksamkeit, aus der die Erkenntnis und die vernünftigen Handlungen abgeleitet werden. Aus dem Judenvolk konnte der Prophet der Liebe und ihr Durchsetzer in dieser Welt, der Sozialist, hervorgehen. In dem Volk der Extreme und einer beispiellos gewaltsamen Geschichte sind europäische und orientalische Anlage oft nicht innerhalb des Individuums harmonisch ausgeglichen, sondern finden sich in den einzelnen Volksteilen getrennt, oft zu unproportionaler Größe entwickelt. So haben sich unter den Juden zwei Seelenarten deutlich herausgearbeitet. In der einen herrscht die (europäische) Verstandestätigkeit vor: Kapitalisten, Wissenschaftler in Westeuropa — die intellektualistischen unter den gesetzestreuen Ostjuden. In der anderen ist die orientalische Empfänglichkeit betont: die Neuerer, die künstlerisch Erlebenden des Westens — die chassidischen Juden des Ostens. Die gleiche Zweiteilung der Seelenbetonungen ist (weniger intensiv) bei den Deutschen zu beobachten. Sie schuf ihre äußersten Beispiele etwa in Bismarck und Fichte. Den kapitalistischen Juden, die sich nach den Umständen richten, entsprechen die militärischen oder wissenschaftlich technischen Deutschen, in denen statt eines eigenen Gefühl ein Apparat für die Realitätskausalität abläuft; dem chassidisch gerichteten Juden entspricht der träumerische tief religiöse Typ der Deutschen, dem alle ihre beste Geister angehörten. Der Chassidismus war die Gotik der Juden. (Wie fruchtbar könnte diese sich nahestehende Art von Deutschen und Deutschjuden miteinander leben!) * Der Europäer, der in einen Tempel des Orients oder nur des jüdischen Ostens kommt, hat keine Zeit, vorne auf das hohe, von Jahrtausende alter Weisheit und Poesie erfüllte Schwingen in Gott zu hören, weil er hinten das Fehlen der Wasserleitung feststellen muß, und er berichtet als Gesamteindruck nach der ihrer Erfolge zufrieden lächelnden Heimat: vollkommen unhygienisch. Aber in die besseren Geister Europas geht immer mehr die Erkenntnis ein, daß der erderlauschten Fähigkeit des Folgerns nicht der ungeheure Wert zukommt, der ihr, auf Grund ihrer Leistungen in der Unterwerfung der Natur und der dieses Können weniger besitzenden Völker, von Menschen, denen „Erfolg beweist", zugeschrieben wird. Die Kraft der logischen Erkenntnis verbürgt an sich, wie sie sich ursprünglich aus Zweckmäßigkeit entwickelte, nur eine Nützlichkeit vom niedrigsten bis zum höchsten Sinn. (Das Vermögen der Objektivation ist die Grundlage alles Festhaltenkönnens, aller Vermittlung der Um- und Nachwelt, ein Unentbehrliches für Kultur.) Das kausale Denken kam von der Erde, seine Resultate bleiben in ihrem Werte auf sie bezogen. Haben nicht alte Kulturvölker zuweilen die gleiche Welteinsicht, wie wir sie heute durch unsere Forschungen mit objektiv richtigerer Benennung errangen, schon damals in mystisch-phantastischer, „falscher" Form ausgedrückt? Und unsere Dichter geben der auf dem wissenschaftlichen Umweg erreichten Erkenntnis den dichterischphantastischen Ausdruck zurück, den jene Völker mit den Sinnen tastend fanden? Es ging also, scheint es, zuweilen auch ohne unser europäisches Talent mit gleichem Resultat in der Weltanschauung, die doch der Endzweck von allem lst. Die aus dem logischen Vermögen gezogenen Fähigkeiten sind ja nur Wege