Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Von der Aufgabe der Juden in Europa
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 314 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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314 Alfred Lemm: in ihre Gottesherrlichkeit, ohne die kleinste Frage dem Unbedingten, einem jenseitigen Reich. Das zwischen Großstaaten eingeklemmte Preußen war darauf angewiesen, seine Fähigkeit, die Gesetze der Wirklichkeit zu den eigenen zu machen, besonders zu üben, um sich in einem schweren Völkerleben mit Erfolg verteidigen zu können; und aus dieser Anpassung entwickelte sich der vor Folgerichtigkeit nüchterne, aber so überaus lebenstüchtige, beherrschende preußische Ingenieur oder Militär. So schärfte der jahrtausendelange unermeßlich harte Daseinskampf zwischen den Völkern den Juden die Kräfte für die Wirklichkeit. Schon in biblischer Zeit mußten sie, zwischen Ägypten und den vorderasiatischen Mächten wohnend, sich beständig verteidigen. Was sie als Grenzvolk von Geburt und durch , das lange geistige Aufnehmen Europas an Europäischem hatten, ergänzte das Abendland durch eine entsetzliche Schule im Erhalten des nackten Lebens. Ist es eine jener hier und da in der Geschichte auffindbaren „historischen Gerechtigkeiten", wenn das Talent der Juden, welches das grausame noch nicht zu vollem menschlichem Bewußtsein erwachsene Europa in ihnen unbeabsichtigt mit seinen maßlosen Quälereien großzog, heute sich gegen es selbst richtet, indem es die vielbeklagte Macht der Juden in der europäischen Wirtschaft begründete? Der Jude weiß, wie kaum einer, sich durchzusetzen im Leben vermöge seiner Fertigkeit sich einzustellen auf die Umstände. Er hat das, was den Bankier oder Industriellen ausmacht: das Selbst zurückdrängend, so nachahmungsfreudig in den Umständen, den Seelen der Käufer und Verkäufer, in den Zahlen und in der Konjunktur, zu sein, bis in ihm überhaupt nur noch die Umstände arbeiten, die er nun zu seinem Besten leicht regieren kann. Der rabbinische Scharfsinn der östlich talmudischen Juden ist nur eine andere unangewandte, vornehmere Art des Sichrichtenkönnens, als ihre kaufmännische Fähigkeit. Das von der Wirklichkeit erlernte Kausalitätsvermögen begnügt sich mit Folgern und Schließen zur Klärung religiöser Probleme. In den Wissenschaften, welche die Natur ymit der von ihr erlernten Logik unterwerfen wollen, in dieser europäischsten Aufgabe sind die Juden als Ärzte und Techniker obenauf. Als Mathematiker oder Denker brauchen sie die logische Kraft, sie ganz aus der Verwendung zurückziehend, abstrakt. So viel Europäisches haben die Juden, daß ihnen das okzidentale Grundübel, die Vorherrschaft und Überschätzung der Verstandeskräfte nicht fremder ist als den Europäern. Im Okzident legt sich gar leicht das Prinzip der Kausalität unrechtmäßig auf alle Teile des menschlichen Seins. Auch die (westlichen wie östlichen) Juden leiden an jener Hypertrophie des Organs für die Logik; im Westen scheinen sie neuerdings vielfach eine besondere Abart dieser Krankheit herausgebildet zu haben. Nicht wie im (innerlich) nördlichen Europa und Amerika ist die Subjektivität auf den Nullpunkt herabgedrückt. Die orientalische Innenbetontheit jener Juden kann es noch erreichen, daß das fühlende Ich nicht völlig verdrängt wird; es gibt jüdische Männer und Frauen, in denen das Gefühlsleben auf die Nervenspitzen zurückgedrängt wurde — meist unglückliche, brüchige Menschen. Ihr Erleben legte sich gleichsam noch zur Not auf äußere Teile des Wesens. In dieser schwachen Projektion empfinden sie die Widersprüche, ohne sich doch der großen Ansprüche der Ratio erwehren zu können. So steckt in der heutigen Judenheit das Europäische und das Orientalische.