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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 5-6 · p. 312

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 5-6
Article
Von der Aufgabe der Juden in Europa
Date
1918-01-01
Page
312 (sequence 6)
Language
German
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Alfred Lemm: Ibsen oder Strindberg, George oder Nietzsche, Hodler oder Cezanne, hatten und haben ihre ersten, oft einzigsten Begeisterten unter den Juden. Verleger und Vermittler der seit Jahrzehnten von den Besten als zeitgemäß empfundenen Kunstbestrebungen sind sich, selbst Juden, bewußt, daß sie sich an ein großenteils jüdisches Publikum wenden. Ist es ja doch jene gleiche intensive Erlebniskraft, welche die Künstler „ihrer Zeit voraneilen" läßt; die Juden kommen ihnen am ehesten nach. Daher die Tatsache, daß es kaum einen guten deutschen Künstler gibt, der nicht in nahen Beziehungen zu Juden steht; daher die häufigen Heiraten der weitest vorgeschrittenen deutschen Männer mit Jüdinnen, deutschen Frauen mit Juden. Ihre historischen Beziehungen zu allem „Geistigen" und der oft festgestellte Abstand zwischen der Persönlichkeit in Deutschland und der deutschen Masse kommen steigernd hinzu. Der Künstlerdeutsche mit seinem gesteigerten Erleben ist bezüglich dieser Kraft erst gleich den Durchschnittsjuden. Jüdische Jugend wurde am stärksten entzündet von der geistigen Jugendbewegung, von der neuen Pädagogik und dem neuen Lebensstil des Deutschen Wyneken. Was der in seinem Haß verbohrte Antisemit Vordrängerei nennt, ist eigentümlichstes, vielleicht bestes Gut der Juden: schnellere Ausführer des Gebotes des Zeitgeistes zu sein. Die rückständigsten Volksteile Deutschlands schließen sich am vorsichtigsten von den Juden ab — nicht nur weil in engbegrenzten Menschen die Begrenzung „Rasse" wirksamer ist — während in den Entwickelteren der Verkehr mit ihnen gewollt, oft gebraucht wird. Die Juden sind aus ihrer zentripetalen Anlage heraus die spezifischen Vorläufer in Deutschland. Wie das Gute der Zeit, nimmt der Jude ganz so ihr Schlechtes schneller als Eigentum an. Zweifellos wurde der berüchtigte Berlin W-Typus, der glaubt, von einem gewissen Minimaleinkommen an Kulturfaktor zu spielen, zuerst am plastischsten von Juden dargestellt. Aber man gehe heute durch die Straßen jenes Stadtteils, dessen Leere mit erlesenem Geschmack ausgeschmückt ist: die Deutschen sind, so eilig sie konnten, nachgekommen. Die moderne Verbogenheit des Lebens fand in den gewöhnlichen Deutschen ebenso wenig Ablehnung wie in den gewöhnlichen Juden; in diesen nur gewandtere Vertreter. Dieses zeitliche Primat der Juden, das in der gesamten deutschen Kulturlage wirkend ist, gibt Anlaß zu einer verständlichen optischen Täuschung: die Juden erscheinen als Verursacher von etwas, dessen regere Aufgreifer nur sie sind. Die Judenliebenden preisen die Juden als diejenigen, ohne die Deutschland des Guten nicht teilhaftig geworden wäre; die Hassenden beschimpfen sie, weil sie es wären, die das Schlechte hereingebracht hätten — während sie doch in beiden Fällen nur schneller reagierten in der Richtung, welche die deutsche Zeit mit oder sie eingeschlagen hätte. Das intensive Erleben der Juden ist auch in der schnellen kulturellen Hochentwicklung der Generationen wirkend. Der Sohn eines Vaters, der in einer der kleinen Landstädte des Ostens mit geistig einfachster Lebenshaltung den Bauern Schnittwaren verkaufte, ist schon der verfeinerte Akademiker einer Großstadt. Was für herrlich einsichtige Menschen zwei Generationen nach dem Päckeljuden! Doch es scheint fast, als ob in diesem Verarbeitungstempo der Seele die Ge-

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