Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Von der Aufgabe der Juden in Europa
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 311 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Von der Aufgabe der Juden in Europa 311 begründet wird. Die seelische Haltung der Frage, wie sie im jüdischen Tonfall und am ungeschminktesten etwa in „Warum soll ich nicht?", „Wie werd ich?", „Was weiß ich?" ans Licht will, ist doch eine sich den Dingen nicht hart entgegensetzende, sondern sie in Erwägung ziehende, eine entgegenkommende. Sie ist deutlich unterschieden von dem deutschen durch scharfen Schnitt trennenden Ton, der sicherer ausschließt, immer eher nach Behauptung als nach Frage neigt. Diese aber ist den Dingen geöffnet, steht ihnen mit mehr Empfänglichkeit gegenüber. Die Weichheit der jüdischen Seele läßt sie besonders stark durchrührbar werden und schenkt dem Juden eine Intensität im Erleben seines gesamten seelischen Inhalts. Weil das jüdische Sein heftig angeschlagen wird, ist der Jude vollkommener gut und vollkommener schlecht. Ihre leichte Erregbarkeit macht die Juden in allem zu unvergleichlich gefügigen Objekten der Weltströmungen. Die bei ihnen so häufig vorkommende künstlerische Veranlagung ist natürlich bei solchem beweglichen Verhältnis zu den Dingen. Das im Vergleich zum deutschen intensivere Erleben der westlichen Juden drückt sich zeitlich aus in ihrem schnelleren Verstehen der von der jeweiligen Gegenwart geschaffenen geistigen Lage; und diese Erkenntnis enthält zentrale Erklärungen für ihr Verhältnis zu den europäischen Völkern. Die Idee, welche das neunzehnte Jahrhundert am tiefsten bewegt, der Sozialismus, fand in Deutschland seine ersten Propheten in Juden; in ihnen ist er noch heute lebendiger als sonst wo. Dafür ist ihre Zurücksetzung als Staatsbürger keine genügende Erklärung. Sozialismus ist ja doch nicht nur der Standpunkt einer oppositionellen Partei, sondern losgelöst von allem Zeitlichen eine menschliche Geistesverfassung. Es führt eine direkte Linie von dem mit seiner Thora tanzenden Chassid zum jüdischen Sozialisten des 19. und 20. Jahrhunderts vom Typ Gustav Landauers. Weil die Juden (dieser Mischung) empfindlicher hören, was die Zeit den Herzen befiehlt, sind sie im Wesen unkonservativ. Als die unerhörten Möglichkeiten der Technik dem Jahrhundert aufgingen, bildete sich unter englisch-amerikanischer Priorität der Typ des auf alles gefaßten, alles ausnutzenden großzügigen Unternehmers heraus: Juden seine ersten Beispiele. Das Wesen des Unternehmerischen in Handel und Technik ist nicht nur das kaufmännische, das realitätsfähige Talent, welches allerdings die Juden von langen Zeiten her mitbrachten, sondern besonders Spürsinn für die Konstellation. Erst seit kurzem beginnt diese geschmeidige, weitblickende Geistesart in deutschen Kreisen mehr Boden zu gewinnen, so daß selbst staatliche Handlungen etwas „Unternehmerisches" erhalten. Daß die industrielle, die Unternehmerepoche für individuelle Köpfe wie geschaffen war, unterstützte natürlich die Juden in ihren Erfolgen in der Wirtschaft. Das erhöhte Tempo des jüdischen Erlebens macht sich besonders in der deutschen Kunstsphäre, sie stark bewegend, bemerkbar. Noch mehr als vor fünfundzwanzig Jahren von der naturalistischen sind die Juden heute von der expressionistischen Strömung ergriffen, deren unsinnlicher vergeistigender Richtung das Volk der Weltabgekehrtheit aus Anlage und hirnlicher Inzucht durch geschichtliche Umstände gern Folge gibt. Es kommt hier nicht in Frage, wie weit die Juden selbst schöpferisch beteiligt sind; als Schaffende, Kritiker oder Hörer machen sie den Schritt vor zu einer neuen Geistesverfassung williger mit als die Deutschen gemeinhin. Die großen Bildner eines neuen Geistes, heißen sie