Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Von der Aufgabe der Juden in Europa
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 310 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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3io Alfred Lemm: der Anteil des Orientalischen, die Geschultheit an der Wirklichkeit, die für Menschen brauchbare, greifbare Form garantierend, der Teil des Europäischen am Geist. Von dort kommt das Beziehungslose, in den Himmel Steigende, von hier das Bezogene, Wirkungsmögliche. * In den Juden Europas ist das orientalische Wesen, wenn auch in den unterschiedlichsten Mengenverhältnissen, vorhanden. Am kräftigsten bei jener religiösen Sekte östlicher Juden, den Chassiden, deren Körper beim Gottesdienst noch mittun. Ihnen projiziert sich das Gebet nicht auf die schmale Leiste der Worte, sondern der heftig sich auf und nieder neigende, der schreiende, auch geschlagene Körper tut mit seiner Vollkraft den Gottesdienst. Nicht vernünftig, will sagen, die objektive Welt bedenkend, sondern unbekümmert nur dem Verlangen des Ichs gehorchend tanzen die Chassiden ihre Frömmigkeit. Ihr Prophet, der Baal-Schern, wie Jesus die Art des Dienstes für nebensächlich erklärend vor dem gottgefälligen Handeln, lebte seine Forderungen. Nur in der subjektivst gestaltenden, unübertragendsten „Form" sich verflüchtigender Worte hat er sie „festgelegt". Schon beim Beten jedes östlichfrommen Juden ist das Wort nicht so sehr Gedanke — wie beim Protestanten — als Tun. Jener brauchte gar nicht genau den hebräischen Text zu verstehen — und versteht zuweilen tatsächlich nicht jedes Wort mehr — : Singen, Rufen, eintöniges Murmeln ist Auslösung gottergebener Herzen, persönliches Opfern auf dem Wege der Sprech-Gefühlswerkzeuge. Hier sind die Worte nur eine der Leistungen, welche der gläubige Jude fast stündlich seinem Gotte zu geben hat. Diese religiöse Icherfülltheit, vor deren Rauschen die Augen sich für das Draußen schließen, erscheint dann in hoher Vergeistigung in den deutschen Dichtungen Martin Bubers. Trotz ihrer Sprachherrlichkeit ist ihnen eine gewisse Unnotwendigkeit des bildlichen Ausdrucks eigen: die Erde, welche die sinnlichen Vergleiche liefert, verblaßt im Hintergrund vor dem mächtig aus der Seele hervorbrechenden Pathos. Diese das Ich treffende Akzentuierung verschiebt sich, je tiefer man in den Westen gerät, zugunsten des Erdinteresses — bis zu den jüdischen Religionswissenschaftlern, die den Glauben der Väter, welcher den Vergleich mit der in der Außenwelt enthaltenen Logik nicht mehr aushält, nach allen Anforderungen neuzeitlicher Erkenntnis renovieren. Es verblieb einem großen Teil der Juden aber von der orientalischen Tiefentendenz her eine europafremde Geweitetheit, ein stärkeres Schwingen, eine lautere Stimme des subjektiven Wesens. Die Juden eignen sich besonders zu Leistungen, die ihre Individualkräfte in Tätigkeit treten lassen, während sie bei einer von außen, von der Sache, anbefohlenen Logik, — in der „mechanischen" Arbeit — weniger brauchbar sind. Hier muß das Subjektive schweigen können vor den Dingen, ein Talent, welches das Organisatorische genannt wird und ein speziell Westeuropäisches ist. Ich empfinde die jüdische Seele als eine halbweiche knetbare Tonmasse — die norddeutsche als aus sprödem, porösem Stein bestehend. Die deutsche irgendwie widerstandsvoll, die jüdische zur Durchdringung bereit. In der Sprache des deutschen Juden äußert sich diese Nachgiebigkeit, wie es scheint, unter anderem in dem auch dem ostjüdischen Jargon eigenen häufigen Gebrauch der Fragewendung, der aus der im langen nahen Beieinanderwohnen der Juden entstandenen Neigung, sich an den Volksgenossen zu wenden, kaum ausreichend