Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Von der Aufgabe der Juden in Europa
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 309 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Von der Aufgabe der Juden in Europa 309 als an der Menschheit, die es aufnehmen soll und will? Zu dem rein Subjektiven, bei sich Bleibenden, Orientalischen tritt die Rücksicht auf die Mitlebenden. Objektive Form ist identisch mit Allgemeingültigkeit, Wirkungsmöglichkeit. Dieselbe Berücksichtigung verlangende Rolle, wie im europäischen Gesamtsein die niemals ausgeschaltete Umwelt, spielt in seinen Werken die Ummenschheit. Objektive Form ist sozial orientierter Ausdruck. Der gestaltende Europäer zeigt, der gestaltende Orientale ist. Christus formte mit seinem Leben sein großes Gefühl zur Sichtbarkeit. Er tat die Liebe, war seine Idee. Dostojewsky löste seine Epen und Gestalten von sich. Wenn in den Völkern das religiöse Gefühl überfließt, dann zieht dieses sie im Orient in die Klöster und in die Wüsten zum ungehinderten Leben nach ihm; im Okzident gießen sie es aus in Stein und Bild. Denn wo der Blick haften bleibt am Leben ringsherum, hindert er die restlose Darstellung des Gefühls am eigenen Leben. Wer sieht, die unbedingte Ehrlichkeit fordernd, daß seine Umgebung Stehkragen trägt, findet ungleich schwerer das Pathos zur unbekümmerten Verwirklichung durch sich selbst. Hätte Jesus ein Auge gehabt für die Einzelheiten der Neuyorker Börse, hätte Furcht vor Lächerlichkeit vielleicht die Kraft seines Ausdrückens gebrochen. Das lebende Selbst ist so verflochten in den Betrieb der Welt, daß, will es ganz nach der inneren Stimme handeln, es kein Organ für das Außen haben darf. Entwickeltes Talent für die Wirklichkeit stört die Verwirklichung der Innenforderung. Die Kräfte des Tuns saugen von den Kräften des Seins. Es scheint, als wenn die Ökonomie der Natur es sich versagen müsse, die Energie des Gefühls zu sehr ins Persönliche strömen zu lassen, wenn anders die objektive Leistung noch hinreichend bedacht werden soll, und sich entscheiden müsse für einen Künstler oder einen Heiligen. In Europa wälzt sich die Kraft von der Person über auf das Werk. Der Antichrist Nietzsche stellte seine Vision des mitleidbaren Herrenmenschen zwischen die Menschen — wer fragt nach seinem unherrischen Leben? In Europa macht es nichts aus, daß Risse klaffen zwischen Werk und Sein. Buddhas Leben und Wirken ist untrennbar, dieses geschieht durch jenes. Dem Osten eignet das wahrhafte Tun in Bezug auf den eigenen Geist: der Orient der Erdteil der Heiligen. Der Westen hat das wahrhafte Tun in Bezug auf die Außenwelt: Europa das Land der Schaffenden. So sitzt als Extrem des westlichen Typus im Laboratorium der Wissenschaftler, in dem das Ich stumm geworden ist vor der der Wirklichkeit entnommenen logischen Folgerung, ein willenloses Werkzeug der Welt; verhungert im Osten, verzückt im eigenen Rhythmus, der Ekstatiker, ein weltblindes Werkzeug der Seele. Die Typen sind natürlich nicht scharf lokalisiert. Das christliche Mittelalter wie alle westliche Mystik sind Zwischenstufen. Mit dem Protestantismus setzte sich in ^uropaEuropa durch: die Wirklichkeit wurde stärker mitgerechnet. Schon jeder europaische Künstler ist ein Grenzfall. In ihm sind die nach dem Innen gerichteten Kräfte so stark, daß es in Rausch gerät. Durch seine Aufrührbarkeit, dieses Orientalische seines Ichs, kommt ihm das Ursprüngliche, Echtmenschliche, von dem die gewöhnlichen Menschen sich entfernt haben, wieder nahe. Darum ist der Künstler urrevolutionär. Er erlebt die Dinge wieder durch ihre Zivilisationspanzer hindurch, wie der religiös Erregbare das Wahrhaftige in den Dogmen. In jedem gefühlisch bestimmten Menschen ist „Orientalisches". Die Ausweitungsfähigkeit der Seele, welche das große Gefühl erst möglich macht, ist