Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Von der Aufgabe der Juden in Europa
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 308 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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308 Alfred Lemm: Nun ist offenbar das Prinzip der Realitätsbeachtung dem nach eigenen Gesetzen erfolgenden Ablauf des subjektiven Wesens ein Fremdes. Der menschliche Geist wurde selbstherrlich, als er „fertig" war. Er ist ein Mikrokosmos, der sich durchaus nicht unter den gleichen Regeln bewegt, wie der Weltorganismus, in den er gesetzt ist. Die Logik der Seele fällt nicht zusammen mit der der Wirklichkeit. Der Bergsteiger,der von der Natur in Rausch versetzt, nur noch auf den in Wallung geratenen Strom seines Selbst hört, läuft kreuz und quer — und verirrt sich. Will er die Schönheit nach seiner Logik auskosten, kann er nicht auf die Wege des Gebirges achten. Der Arzt, der, gefesselt von dem Gesicht eines Schwerverwundeten, eine Sekunde zögert, kann dessen Tod verursachen. Die Seele läuft nicht parallel dem Außengeschehen. Wenn der Menschengeist dieses beherrschen, sich gut in der Realität behaupten wollte, mußte er lernen, sich aufgebend, sich nach ihr zu richten. Weil Europa sich am vorzüglichsten nach der Einrichtung der Wirklichkeit richten konnte, unterwarf es sich fast restlos die Weltkräfte. Und dieser Übung des Sicheinstellens auf die Außenwelt verdankt der Okzident sein gesamtes „logisches" Vermögen, diese eminente Fähigkeit des Erkennens durch das Schließen, wodurch er die wissenschaftliche Kultur schuf. Woher können wir denn jenes haarscharfe Folgern, das Kantische unseres Hirns anders haben, als von dem Außengeschehen mit seiner harten und unbeugsam-toten Folge von physischer Ursache und Wirkung, einem Geschehen, das kaum „kantischer" vor sich gehen könnte? Um sich mit ihm vorteilhaft auseinanderzusetzen, mußten wir es nachahmen und gewöhnten uns an seine Form. Logik ist die Reihenfolge der Wirklichkeit, von uns übernommen. Die Herkunft des Logischen wird noch deutlich an den verwandtschaftlichen Beziehungen, die man zwischen einem rein wissenschaftlichen Erkenntnistheoretiker (ohne seelischen Ehrgeiz) und dem Großkaufmann, der die tatsächlichen Verhältnisse zu seinen Diensten zwingt, spürt. Das gleiche Talent wird einmal gleichsam in eigener Sache, im Denken selbst, das andere Mal für das reale Leben gebraucht: Angewandtheit der einzige Unterschied. Die Anwendung seiner Wirklichkeitskräfte zur Technik und auf die Industrie ließ Europa sich mit Leichtigkeit den Orient unterwerfen, der sich nicht so hart nach den Bedingungen des Außen richten kann, weil seine Aufmerksamkeit an das Innen gefesselt ist. Aus der Erdbezogenheit des Okzidents und der Ichgekehrtheit des Orients ergeben sich die unterschiedlichen geistigen Leistungen. Der schöpferische Erdenbewohner, den eine Empfindung bis zum Bersten anfüllt, muß aus seiner Überfülle ein Symbol, einen restlosen Ausdruck für sein Erlebtes schaffen. Ist er ein Orientale, so ergreift die darstellende Kraft ihn selbst, den eigenen Körper: er tut im Leben das Unbedingte, das er in der Seele erschaute; er gestaltet an sich seine Idee — der Orient der Erdteil der Propheten. Der Okzidentale hingegen stellt seine Vision von sich fort zwischen die Menschen. In ihm schiebt sich die Überkraft des Erlebnisses auf ein von der Persönlichkeit getrenntes Werk. Er hämmert das Symbol seines Wollens in eine objektive Form — Europa das Land der Künstler. Denn auch das Wesen der „objektiven Form" scheint doch in dem in ihr wirksamen Prinzip der Aufmerksamkeit auf die Umwelt zu liegen. Woran anders soll das sich vom Subjekt loslösende, vage Schwingende seine Haltpunkte finden,