Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Zionismus in Polen
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 298 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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298 Julius Berger: Zionismus in Polen liehen Schranken zu sprengen, die ihn von seinem Bruder scheiden, der arm und unglücklich ist, ehe dies nicht die sittliche Forderung der nationalen Bewegung wird, sollte von Gegenwartsarbeit nicht die Rede sein. Denn es ist klar, daß all das, was heute als Gegenwartsarbeit proklamiert wird, zunächst etwas Fremdes, etwas von außen Hineingebrachtes darstellt. Etwas, das verlangt wird, weil es die anderen Nationen verlangen, weil es zum Begriff der nationalen Forderung gehört, etwas, was noch kaum daraufhin untersucht wurde, ob und wieweit es aus dem Judentum geboren und mit dem Judentum verknüpft ist. Es wird des langen und des breiten untersucht, ob die nationale jüdische Autonomie a uf dem Personal- oder Territorialprinzip aufgebaut sein muß, ob proportionelle, Wahlen oder allgemeine Wahlen das Heil des jüdischen Volkes bedeuten. Und man studiert die verschiedensten Schriftsteller bei den Deutschen und bei den Tschechen und leitet Analogien her. Wer aber forscht im Judentum selber? Ich möchte nicht mißverstanden werden, ich bin natürlich mit allem Nachdruck für Gegenwartsarbeit. Aber es scheint mir nötig, davor zu warnen, sie so äußerlich aufzufassen, wie dies jetzt geschieht, einfach das jüdische Gegenwartsarbeit zu nennen, was bei irgendeinem anderen Volk als Gegenwartsarbeit anerkannt ist, und so, wie man schon für die Begriffsetzung der jüdischen Nation versucht hat, alle Formulierungen auf Anleihen bei Tschechen und Ruthenen, bei Dänen und Slowaken aufzubauen, auch für die Formen der nationalen Arbeit das für die Juden als gegeben anzunehmen, was von anderen Völkern erdacht und ausgeführt wurde. Warnen möchte ich vor allem davor, daß man an die Arbeit am jüdischen Volke herantritt, ohne jüdisches Volk zu sein. Unsere nationale Gegenwartsarbeit wird nichts sein, wenn sie auf den Theorien beruht, die irgendwelche Politiker und irgendwelche Wissenschaftler aus irgendwelchen Ingredenzien extrahiert haben; sie wird alles sein, wenn sie auf der Liebe des Juden zum Juden beruht. Dann mag sich vielleicht ergeben, daß die nationale Autonomie, daß die kulturelle Selbstbestimmung, proportionelles Wahlrecht und Handwerker-Organisation auch hier das Richtige sind. Aber dann wird es echt sein, dann wird es nicht in irgendeiner fremdnationalen Studierstube und in irgendeinem andersnationalen Parlament geboren sein, dann wird es jüdisch sein, und dann wird es von der Masse des jüdischen Volkes verstanden und aufgenommen werden. Dann wird es sich zeigen, ob es richtig war, diese westeuropäischen Begriffe ungesiebt und ungesichtet auf das jüdische Volk anzuwenden, und ob wir nicht in der Gefahr standen, mit unserer ganzen Gegenwartsarbeit eine viel schlimmere Assimilation herbeizuführen, als wir sie jemals in Westeuropa bekämpften. Denn was ist es, was wir bringen wollen? Westeuropa. Und was ist es, was dort im Judentum des Ostens lebt? Orient. Hat sich Westeuropa wirklich jetzt so bewährt, daß wir die letzten Bollwerke, die eine andere Welt noch hier besitzt, zertrümmern wollen, um diesen ganzen Skandal der westeuropäischen sogenannten Kultur dort einzuführen? Immer wieder, wenn wir vor einem Juden des Ostens stehen, arm mag er sein, simpel mag er sein, schmutzig mag er sein, aber mit welch innerer Überlegenheit steht er diesem ganzen Brodel von höchster Technik und höchster Verworfenheit gegenüber, den wir westeuropäische Kultur nennen. Jeder von diesen Menschen steht in der Welt und darum sieht er heimlich lächelnd auf den Westler, der reich, gebildet, sauber ist, und der doch nur auf der Welt steht.