Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Zionismus in Polen
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 297 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Zionismus in Polen 297 dischen Volkes operieren, nicht viel anders auch bei den Zionisten, Zwar ist hier ein wesentlicher Unterschied. Alle diese Richtungen haben im Gegensatz zu den offiziellen Institutionen die organisierte soziale Arbeit energisch aufgenommen. Sie haben Heime gegründet und Küchen und Schulen, und wenn man sieht, was die Bundisten und die Poalezionisten und die Jiddischisten und was vor allem die Zionisten in Warschau allein während des Krieges an sozialen und kulturellen Einrichtungen geschaffen haben, so ballt sich einem erst recht die Faust gegen den Volksverrat der assimilatorischen Gruppe, die all die Jahrzehnte hindurch zehnmal mehr Mittel und hundertmal mehr Macht hatte und tausendmal weniger geschaffen hat. Man muß auch sagen, daß in diesen Einrichtungen der verschiedenen jüdischen Gruppen sehr viel Liebesarbeit getan wird, und man muß sehr viel Respekt haben vor der Hingabe der einzelnen Wenigen, die sich dieser Hilfsarbeit widmen. Der einzelnen Wenigen. Denn die Masse der Anhänger dieser einzelnen Gruppen steht zu dieser Arbeit in keinem persönlichen Verhältnis. Es ist leicht, von jeder einzelnen Richtung nachzuweisen, daß in den polnisch-jüdischen Organisationen das Gefühl der menschlichen Verbundenheit mit der jüdischen Masse, der Hingebung des Einzelnen an den Einzelnen, der Liebe, wenig entwickelt ist. Daß das bei all den verschiedenen Parteien des polnischen Judentums so ist, kann uns nicht hindern, es für die Zionisten als ein schweres Unglück zu beklagen. In endlosen Diskussionen wird die Frage erörtert, ob das Wahlrecht der Masse so oder so gestaltet werden, ob die Unterrichtssprache für die Kinder des jüdischen Volkes diese oder jene sein, ob dem Volke diese oder jede Organisationsform gegeben werden soll. Wer aber von all diesen Rednern ist Volk, wer lebt im Volk und ist mit dem Volk? Mehr noch: Wer liebt dieses Volk? Ich meine nicht den großen Begriff ,,jüdisches Volk", der sich gedruckt so hübch liest. Ich meine das Volk, wie es in den Kellern der Krochmaina vegetiert, auf der Smocza hungert, auf den Stawki zugrunde geht. Ich meine den Einzelnen, den schmutzigen, den verlausten Juden, ich meine den hungernden Flickschuster, den lungernden Dieb. Wer weiß von ihnen, wer kümmert sich um sie anders als statistisch, als sozialorganisatorisch, wer lebt unter ihnen, wer ist einer von ihnen, wem sind sie Schwester und Bruder? Es ist eine Kluft zwischen der Masse des jüdischen Volkes und den Wortführern, die nicht kleiner, die aber viel bedenklicher ist als die Kluft zwischen den deutschen Juden und dieser Masse. Ich weiß, daß es Ausnahmen gibt, aber das ist das Schlimme, daß es Ausnahmen sind. Die Liebe beherrscht nicht die Arbeit, und darum herrscht um so stärker und um so verwirrender die Phrase. Nirgendwo hört man mehr das Verlangen nach Demokratie, nirgendwo wird mehr im Namen der Masse des Volkes gesprochen als unter den jüdischen Politikern in Polen, und nirgendwo hat man weniger Recht darauf. Noch einmal sei festgestellt: so ist es bei allen von der radikalsten Sozialdemokratie bis zur konservativsten Orthodoxie. Aber der Zionismus ist ja keine Gruppe, und seine Arbeit ist keine Parteiarbeit. Und wenn er sich darum der Gegenwartsarbeit widmet — und natürlich muß er sich ihr widmen —, so muß dies auf einer anderen als auf einer parteimäßigen Grundlage geschehen, es muß auf der Grundlage der Liebe geschehen. Darum, ehe nicht unsere zionistischen Freunde in Polen dies eine in sich aufgenommen haben, daß es Notwendigkeit für jeden Einzelnen von ihnen ist, in der Masse unterzutauchen, sie in sich aufzunehmen mit all ihrer Krankheit und Verkommenheit, mit all ihrer Erhabenheit und Größe, die bürger-