Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Zionismus in Polen
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 296 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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296 Julius Berger: Sammlung, die jetzt von den polnischen Zionisten durchgeführt wird, wird schon eine Sache der polnischen Juden sein. Es ist noch verfrüht, darüber zu reden, aber dies eine kann jetzt schon gesagt werden: daß, wenn nicht äußere Einflüsse störend eingreifen — und das ist kaum zu befürchten —, die Aktion für die palästinensischen Juden nicht nur ein Denkmal der Zionsliebe der ganzen polnischen Judenheit sein wird, sondern daß in ihr auch der entschlossene Wille der polnischen Judenheit, sich für Palästina zu entscheiden, ihr Schicksal an das von Palästina zu knüpfen, zu einem überwältigenden Ausdruck kommen wird. Es ist gewiß von besonderer Bedeutung, daß dieses jetzt geschieht. In der Zeit der furchtbaren Not, des wütendsten Hungers, während Krankheit und Entbehrungen das Volk dezimieren, ist dieses sein tiefstes Verlangen, sich für die Zukunft des jüdischen Volkes in Palästina einsetzen zu können. In der Schekelwoche haben die Schülerinnen der Handfertigkeitsschule des zionistischen Kuratoriums in Warschau ihr bißchen Brot opfern wollen, um daraus den Schekel bestreiten zu können. Und so könnte man mancherlei berichten. Es ist fast wie eine Reaktion auf die starke Betonung der Gegenwartsarbeit, und es sieht manchmal so aus, als fühle das Volk deutlich, daß die Gegenwartsarbeit, so wie sie jetzt in Polen propagiert wird, mit den eigentlichen Nöten und den eigentlichen Wünschen des jüdischen Volkes wenig gemein hat. Hier muß ein offenes Wort gesagt werden. Keine der großen jüdischen Parteien in Polen hat ihre Organisation in der Masse des jüdischen Volkes, am wenigsten die Volksgruppe, trotz ihres Namens; aber auch nicht der organisierte Zionismus, insoweit er parteimäßig auftritt, und nicht einmal sein poalezionistischer Flügel. Alle diese Organisationen haben ihre organisierten Beziehungen in einer Oberschicht, und es ergeht der Agudath Haortodoxim keineswegs anders. Zwar der Chassidismus oder die Orthodoxie ist stark und lebt bis tief in den untersten Massen, und genau so ist es mit der zionistischen Idee. Aber die Organisationen reichen bei weitem nicht bis da unten hin. Nicht einmal der „Bund" kann von sich sagen, daß seine kleinen organisatorischen Gebilde irgendwie in der Masse verankert seien. Dies alles wäre nicht wichtig und hätte gegenüber der unbestreitbaren Tatsache, daß die Ideen, die die jüdische Bewegung ausmachen, mehr oder weniger rein, mehr oder weniger stark in der jüdischen Masse leben, keine Bedeutung, wenn nicht die Organisierung dieser Masse von allen diesen Gruppen systematisch außer acht gelassen würde. Es klafft eine Kluft zwischen den Vertretern der einzelnen Richtungen und den unbeschreiblich armen Bewohnern der jüdischen Elendshütten, in Warschau ebenso wie in Lodz und in Wilna. Mehr noch: niemand kümmert sich darum. Dieses ungeheure Elend, diese entsetzliche Verwahrlosung hat sich al! die Jahrzehnte hindurch entwickeln können, ohne daß das jüdische Bürgertum, daß die oberen Schichten einigermaßen anders dazu Stellung genommen hätten, als durch ganz kleine, ganz armselige Palliativmittel. Es ist eine Schmach, wenn man sieht, wie die großen jüdischen Gemeinden an dieser allereinfachsten Pflicht vorbeigegangen sind, und wie sie 'glauben, mit einem Waisenhaus oder Altersheim, das sie dem fremden Besucher rühmend zeigen, die Schande verdecken zu können, die auf ihnen lastet, weil sie sich von der Arbeit an der jüdischen Masse mit feigem Ekel zurückgezogen haben. Aber es ist nicht viel anders bei all den Richtungen, die so laut mit dem Begriff des jü-