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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 5-6 · p. 295

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 5-6
Article
Zionismus in Polen
Date
1918-01-01
Page
295 (sequence 5)
Language
German
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Zionismus in Polen 295 wie lebendig Herzl unter diesen Menschen geblieben ist und wie er gerade jetzt gleichsam von Tag zu Tag lebendiger wird. Das Bekenntnis zur nationalen Erlösung ist nicht an den Erfolg gebunden, und es wird am lautesten erschallen am Tage nach der Beendigung dieses Krieges, gleichviel, was sie für die Juden bedeuten wird. Das ist der Geist, der jetzt im polnischen Judentum wirkt und in immer neuen Äußerungen zutage tritt. Die erste war der große Lagbeomerfestzug der Zionisten in Warschau. Als am Abend des Lagbeomerfestes die 5000 Kinder der jüdischen Schulen von ihrem Ausfluge wieder in Warschau einzogen, empfing sie das ganze jüdische Warschau. Kopf an Kopf standen die Juden auf den Straßen, alle Balkone waren überfüllt, alle Fenster dicht besetzt. Die Häuser waren geschmückt, von oben bis unten hingen Bilder von Herzl, Achad Haam u. a. Lichter standen in den Fenstern, Inschriften hingen über die Straße, es war ein großes nationales Fest. Die Begeisterung, die Ergriffenheit der Menge war unbeschreiblich, immer wieder ertönte die Hatikwah, immer wieder Hochrufe auf Palästina. Durch die dichte Menschenmenge zogen die Kinder und sangen, sangen immer lauter, je müder sie waren, und die langröckigen Juden faßten sich an den Händen, bildeten eine Kette und schufen aus sich heraus eine Straßenpolizei, die dem Zug den Weg bahnte. Das geschah in Warschau, in der Stadt des Hungers und der Not. Die Gesichter waren verhärmt, aber die Augen leuchteten, das darbende Volk war voller Freude. Dieses war ein Auftakt, die Schekelwoche in Warschau war schon fast wie eine Melodie. Während einer ganzen Woche sammelte man in Warschau den Schekel, d. h. man sammelte nicht nur, man gab den Schekel, man drängte sich, Schekel geben zu können. Während dieser Woche war die Judenstadt in Warschau wie verwandelt. An allen Säulen klebten große Plakate mit dem Basler Programm und mit der Aufforderung zur Entrichtung des Schekels; die gleichen Plakate lagen in den Schaufenstern der Geschäfte, und wer durch Nalewki ging, wandelte wie durch einen Wald von blauweißem Papier. Die ganze Presse mit Ausnahme der Orthodoxen unterstützte die Aktion, jeden Tag erschienen neue Artikel, und mitten in der Schekelwoche erklärte der Herausgeber der einen der drei großen jüdischen Tageszeitungen, des „Haint", Herr Jatzkan, in einer sehr würdigen Kundgebung seine Rückkehr zum Zionismus, von dem er nach dem VII. Kongreß zum Territorialismus gegangen war. Die zionistische Jugend insbesondere war von einer unendlichen Freude erfüllt, diese ganz gewöhnliche Schekelarbeit verrichten zu dürfen. Nach all diesen schrecklichen Jahren, nach all den endlosen Debatten der letzten Zeit war hier wieder das große einfache Symbol aufgerichtet, das Herzl gegeben hat. Es werden nicht viel weniger als 10000 Schekel sein, die diesmal in Warschau gegeben wurden, und es wäre nicht schwer, das Drei- oder Vierfache zu bekommen, wenn man die Sammlung statt acht Tage einen Monat lang vorbereitete. Es war rührend zu sehen, wie die Warschauer Schekelsammlung auf die Provinz wirkte. Aus allen Orten kamen Proteste, warum man die Sammlungen auf Warschau beschränkte, kamen dringende Verlangen, auch den Bewohnern der Provinz zu ermöglichen, sich wieder als Zionisten zu dokumentieren, und es ist gar kein Zweifel, daß mit einem bißchen Organisation in Polen leicht Hunderttausende von Schekeln gesammelt werden könnten. Die Schekelwoche war eine Angelegenheit der Warschauer Juden. Die Palästina-

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