Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Zionismus in Polen
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 294 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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294 Julius Berger: mehr versprechen können als der Zionismus. Uns braucht das nicht zu verstimmen. Wir wissen oder sollten wissen, daß der Zionismus keine Partei ist, daß er die Nation darstellt und darum niemals mit einer Partei in Gegensatz geraten kann. Aber im praktischen Kampf des Tages wird dies leicht außer acht gelassen, und in Polen war es so. Dort, wurden die mehr oder minder großen Erfolge bei den Stadtratswahlen usw. zum Wertmesser der Bedeutung des Zionismus, die Art, wie sich die zionistischen Vertreter mit den polnischen oder den andern jüdischen auseinandersetzten, wurde bestimmend für die Einschätzung des zionistischen Gedankens, und dies nicht nur bei Nichtzionisten, sondern auch in weiten zionistischen Kreisen selbst. Die Erfolge, die die sogenannte Volksgruppe bei den Warschauer Stadtratswahlen im Kampfe mit der offiziellen zionistischen Richtung errang, vervollständigten die Verwirrung. So sah es beinahe so aus, als ob das Heil des Zionismus in Polen abhängig sein sollte von der Art, wie er zur Sprachenfrage, zur Schulfrage, zur Frage der nationalen Autonomie usw. Stellung nahm. Dies alles bewirkte eine Unklarheit, eine Mißstimmung, man wollte voraussehen, daß die autonomistische, das Golus bejahende ,,Volksparteiu den Sieg gegenüber dem Zionismus davontragen werde oder daß es jedenfalls nötig sei, einer solchen Möglichkeit vorzubauen. Und aus alldem ergab sich letzten Endes das Gefühl der Schwäche und der Mutlosigkeit. Seit einiger Zeit aber ertönt in diesem manchmal etwas mißklingenden Konzert ein neuer Ton. Es ist, als ob der zionistische Gedanke sich gewaltsam aus dem Gestrüpp befreite, in dem er sich eingeschlossen sah. In immer erneuten Kundgebungen ringt sich der Wille des jüdischen Volkes in Polen zum Ausdruck, klar ersichtlich zu machen, daß es sich mit der zionistischen Forderung auf das engste verbunden fühlt. Es wäre verfehlt, diesen starken Willen zum Zionismus, der jetzt durch die Massen der polnischen Juden geht, einzig in Zusammenhang zu bringen mit den kriegerischen Ereignissen, mit den Hoffnungen und Erwartungen, die die jüdische Masse an den endlichen Ausgang des Krieges knüpft. Zwar ist es zweifellos, daß der Glaube, die Kriegsereignisse würden die Lösung der jüdisch-nationalen Probleme beschleunigen und insbesondere die Schaffung eines jüdischen Zentrums in Palästina wesentlich fördern, in der jüdischen Masse sehr lebendig ist. Man erwartet sehr viel vom Frieden, auch für die Juden, aber größer noch als die Hoffnung ist der Wille. Tief verankert ist in den jüdischen Massen das Gefühl, daß es an der Zeit für die Juden ist, sich für Palästina zu erklären, daß man es nicht darauf ankommen lassen darf, ob eine Konferenz oder eine Mächtegruppe mehr oder weniger Sympathie für die nationalen Bestrebungen der Juden und deren palästinensischen Ausdruck haben. In den Herzen lebt das Gefühl, daß das jüdische Volk einhellig und einmütig seine Forderung aufstellen muß, daß die Stunde der Entscheidung gekommen ist, wenn nicht für das jüdische Volk, so doch für den einzelnen Juden. Es ist schwer zu sagen, inwieweit man glaubt, daß ein solcher Willensausdruck des jüdischen Volkes praktische Ergebnisse zeitigen wird. Gewiß ist die Überzeugung vorhanden, daß eine solche Kundgebung nötig ist, um der Forderung des jüdischen Volkes Beachtung zu verschaffen, und auch die Hoffnung, daß sie nicht wirkungslos verhallen wird. Aber dies ist sicherlich letzten Endes nicht das Wesentliche. Wesentlich ist, daß der Palästinagedanke wieder mächtig geworden ist in den jüdischen Herzen, daß die Juden sich gedrängt und verpflichtet fühlen, sich jetzt für Palästina zu entscheiden. Es ist ergreifend,