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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 4 · p. 282

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 4
Article
Märchensammlungen [Rezension]
Date
1917-01-01
Page
282 (sequence 3)
Language
German
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282 Bücherschau den Robustheiten der Vorgänger gewarnt werden, wenn sie nicht anders schon im voraus auf jedes festere Erfassen und Herüberholen aus dem Geiste der fremden Sprache verzichten wollen. Anderseits muß wieder die Sprache, in die übertragen wird, geschont werden, daß ihr nicht zugemutet wird, was sie gutwillig nicht ausdrücken kann. In der Übertragung der Ramberg ist der sichere feine Ton zu bewundern, dem es oft gelungen ist, ältere ungeschickte Nuancenwiedergabe durch entsprechendere zurechtzurücken. Allein gegen die Reihenfolge und Anordnung des Materials nach verwandten Motiven und nicht chronologisch nach Entstehungszeit und Gattung (es wird doch wohl niemand bestreiten, daß im 3000 Jahre alten jüdischen Märchen verschiedene Gattungen zu unterscheiden sind) ist manches einzuwenden. Bin Gorion konnte nicht umhin, „einheitliche, in sich geschlossene Bücher" aufzubauen, und in der Tat ist dies, sofern es zu billigen wäre, meisterhaft gelungen. Aber wie kann ein solches gewaltsames Anreihen von Stücken, deren Entstehungszeiten Jahrhunderte trennen und die der Gattung nach durchaus verschieden sind (von apokryphen Varianten bis zu chassidischen Legenden), nur von der Motivähnlichkeit lose zusammengehalten, verantwortet werden? In der Vorbemerkung zum zweiten Band lesen wir: „In der vorigen Sammlung „Von Liebe und Treue" (Band I) gab das Thema den Grundton, in dieser besteht die Einheitlichkeit in der Form und dem Charakter der Legenden und Geschichten". Eine solche Inkonsequenz von Band zu Band wäre noch verwunderlicher und bedenklicher, wenn sich nicht bei der Lektüre später herausstellte, daß Bin Gorion unter Form und Charakter seltsamerweise etwa die Atmosphäre, Stimmung, Weltanschauung oder gar das Motiv meint, und nicht ihre literarische Gattungsform; denn in der Tat fährt er weiter fort, wie im ersten Bande bei jedem Motiv Versionen und Bearbeitungen weit von einander liegender Epochen, die durchaus verschiedene Form und Charakter aufweisen, an einander zu reihen. Auch manche andere Sammler machten diesen Mißgriff, so Wilhelm in seiner Sammlung chinesischer Märchen; man sollte aber meinen, daß dieser Notbehelf nur dort gestattet ist, wo mündliches Material aufgenommen wird; da sind auch andere Freiheiten, weil die Form noch weich ist, erlaubt, nicht aber, wo die aufs bestimmteste ausgeprägte äußere Form, wie in den Sammlungen Wilhelms und Bin Gorions, die beide ihr Material schriftlichen Quellen entnommen haben, eine wissenschaftliche Behandlung ermöglicht Es steht dem Forscher frei, nach Ermessen Stilgrenzen zu stecken, auszudehnen oder einzuschränken, wegschaffen kann er sie nicht. Wäre es dann nicht richtiger, das Material, statt nach motivischer Verwandtschaft, nach der stilistischen, zeitlichen (Chronologie des Entstehens und nicht des Geschehens), gattungsähnlichen Zusammengehörigkeit reinlich getrennt zu schichten und nicht wie es geschah, bei jedem Motiv die ganze, tausende Jahre alte Märchengeschichte mit Riesenschritten immer wieder zu durcheilen? Bei einer solchen Anordnung wäre es dann auch möglich gewesen, vor jeder Gattung einen, wenn auch noch so kurz gehaltenen Abriß der Geschichte und Charakteristik der Gattung zu bringen. Alierdings sind auch Boccaccios Decamerone, 1001 Nacht, Gesta Romanorum nach der motivischen Verwandtschaft aufgebaut, aber dort ist mit einem damals zum großen Teil unbekannten Material dichterisch frei, ohne jedes historische Verständnis verfahren worden, hier aber sollte eine Sammlung zustande kommen. Der Weg zum Born Judas sollte nur Unkundigen gezeigt, aber nicht erst entdeckt werden. Äußerliche Nachahmung primitiver Meister verleiht keiner Arbeit inneren Wert, wenn sie ohne ihre Genialität geschaffen wird. Und noch eins. Im ersten und zweiten Band bringt Bin Gorion die Legenden mit Vorliebe statt nach den ersten Quellen der Agadoth, der Talmude und Midraschim, in der Fassung späterer, breiter ausgesponnener jüdischer Bearbeitungen. Die Agada ist aus der ersten geistigen Berührung des ekstatisch visionären Prophetismus mit den episch beschaulich gestaltenden Kulturen hervorgegangen, in ihr fand die Verquickung der Lyrik mit der unjüdischen Epik statt. Später beugt sich der jüdische Geist immer mehr den epischen Kulturen der Umwelt und das ursprünglich impressionistische Erfassen, das sich mit scharfen sicheren Umrissen begnügend beim Detail nur widerwillig aufhielt, wird mit der Zeit immer ruhiger, behaglicher, ausführlicher, das ekstatische Schauen wird in unserem Märchen immer seltener, bis es endlich ganz einem breiten würdevollen Erzählerton, von der Umgebung erlernt, Platz macht. Als die epische Form in unseres Volksgeistes Schaffen Eingang fand, beschränkte sie sich nicht auf die neue Legende, sondern verarbeitete auch die alten Schätze nach ihrer Art, wie dies immer die neue Form mit den alten Motivschätzen zu tun pflegt. Dieselben Motive, die einst dürr apokalyptisch verkün-

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