Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Märchensammlungen [Rezension]
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 283 (sequence 4)
- Language
- German
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Bücherschau 283 det wurden, gewannen nun an Ruhe und faßlicher Ausdehnung. In der Agada ist die Abkehr von der Vision zur Epik schon weit gediehen, sie hat aber noch immerhin viel von der eigentümlich jüdischen Form behalten, daher ihre epische Unbeholfenheit. Bin Gorion wählt gerade die späteren epischeren Bearbeitungen in verschiedenen Varianten und Versionen, während er die echtere, ältere, weniger epische, aber jüdischere Agadafassung fast gar nicht berücksichtigt, wo sie aber als zweites Stück" der späteren Fassung folgt oder in den Ergänzungen als „Mythische Fragmente" (?), wird die kurze scharf pointierte Form von der episch schweren Umgebung erdrückt. Oder faßt Bin Gorion die Agada als Folkloristik auf, auf die er in seiner Sammlung ausdrücklich verzichten will? Zweifellos sind auch diese Bearbeitungen und Varianten von größtem Interesse; schließlich gibt ein neuer Stil, eine neue Literaturgattung doch nur neue Form, die sich im übrigen des alten Schatzes bemächtigt, und unser Interesse bezieht sich da hauptsächlich auf das Wie und nicht auf das Was. Die Bearbeitungen der Agadoth sind durchaus neue Schöpfungen, zuweilen von großer Schönheit, und beanspruchen mit Recht unsere Anteilnahme. Allein es muß eingesehen werden, daß eben diese ihre schweifende „Schönheit", dieses erzählerische Element von den Persern, Alexandrinern, Griechen und anderen Völkern des Abendlandes erlernt, durchaus unjüdisch ist. Im ziselierten Filigran dieser Bearbeitungen spiegelt sich trotz, vielleicht infolge ihrer Schönheit der jüdische Geist nur in den allgemeinsten Umrissen ab, während er sich in der sprunghaft explodierenden Agada noch mächtig offenbart. Bin Gorion, anscheinend ein episch veranlagter Geist, schafft ein vortreffliches Historienbuch, eine Art Gesta Judaeorum; durch diese einseitig zur epischen Schönheit neigenden Tendenz wird das jüdische Märchen aber gerade von seiner uneigentümlichsten Seite erfaßt. Der jüdische Volkscharakter ist nun einmal wesentlich noch weniger episch, als etwa der deutsche, und wenn in einen jüdischen Legendenschatz vornehmlich Stücke epischen Charakters aufgenommen werden, geschieht erstens dem wahren Volksgeist, der Eigenes geschaffen bat, unrecht, und überdies wird eine unbeabsichtigte Täuschung verursacht. Auch der Titel der Sammlung ist nicht besonders glücklich gewählt, was beim sonst bewiesenen sicheren Geschmack Wunder nimmt. Klänge etwa der Titel einer entsprechenden Sammlung „Der Born Germanias" besonders geschmackvoll? Der verehrliche Sammler mag den Titel der ersten großangelegten Nachsammlung der im Talmud zerstreuten Agadoth: Ejn Jaakob vor Augen gehabt haben; was sich aber in einer orientalischen Sprache, in der Gleichnisse alltäglich sind, schickt, kann in einer abendländischen leicht eine Abgeschmacktheit werden. So weit die Einwendungen, und wahrlich, sie sind nichtig der großen schweren Arbeit gegenüber, die uns in dieser Sammlung entgegentritt. Auch darf trotz der Bedenken, die gegen die Reihenfolge Bin Gorions vorgebracht wurden, nicht verschwiegen bleiben, daß sie eines hohen Reizes, den ihr die Einheitlichkeit und die meisterhafte Linie verleihen, nicht entbehrt, und vielen vermag dies eine noch strengere Wissenschaftlichkeit zu ersetzen. Auch muß zugegeben werden, daß bei einer Klassifikation anfechtbare Willkürlichkeiten schwer zu vermeiden wären, weil es sich hier um beinahe jungfräulichen Boden handelt. Es ist ein mißlich Ding um kritische Äußerungen. Bei noch so behutsamem Ausdruck ist ein unbeabsichtigter Unterton anmaßenden Nörgeins fast unvermeidlich, und nirgends ist dies peinlicher, als wo es wie hier gilt, an einer hochbedeutenden Erscheinung Einiges, was den hervorragenden Wert des Werkes nicht beeinträchtigen kann, auszusetzen. Bin Gorions Sammlung zeugt von sehr schwerer Arbeit, von viel Verständnis, Kenntnis, Gewissenhaftigkeit, Geschmack und Liebe zur Sache; es entsteht da ein köstlich Werk, über das wir uns alle freuen müssen. Wir wissen Bin Gorion Dank und Verehrung, daß er unserem Märchen nach langem Scheintod zum Wiederaufstehen verhilft, daß es wieder anfange, auf unser Leben zu wirken; dadurch wird anderseits das verkappte, düstere Märchen unseres Lebens, das wir trotz Tod und Tränen für kein anderes in der Welt eintauschen möchten, zur Form erlöst, die Kontinuität des kristallisierten Volksdenkens, wie es sich im Weben des Märchens offenbart, wird hergestellt. Aber eben darum glaubte ich sogar mit kleinen subjektiven Einwendungen nicht zurückhalten zu müssen. Wann endlich werden solche Bücher in unserer Sprache erscheinen können? Meir Wiener Psychologie und Judentum Als die experimentelle (und etwa zu gleicher Zeit die Individual-)Psychologie mit ihren ersten Versuchen und Ergebnissen sich an die Öffentlichkeit wagte, da glaubten ihre Vertreter, den Stein der Weisen entdeckt zu