Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Märchensammlungen [Rezension]
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 281 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Bücherschau 281 risches Interesse; es ist reizvoll und belehrend, die Wandlung zu beobachten, die manches apulejische Stück bei Poggio oder Boccaccio, manche jüdische Legende in spanischen, französischen Sammlungen und deutschen Rollwagenbüchlein erfahren hat, wie die Gesta Romanorum aus dem Geiste der Zeit heraus antike Motive verarbeitet haben, aber in einer wissenschaftlich angelegten Sammlung darf ein apulejisches Stück nicht in der Fassung des Decamerone, ein deutsches Volksmärchen nicht in der an sich nicht weniger wertvollen Tieckschen Fassung gebracht werden. Der Dichter darf Märchen fassen und gestalten nach Belieben, sobald er aber Sammler wird, muß er sich nicht nur an den Text, sondern sogar an den Urtext, soweit wir ihn zurückverfolgen können, halten; freilich darf er auch anderseits an die Sammlung der Nach texte schreiten, durcheinandergemischt dürfen sie nicht werden. Ein Sammler chassidischer Geschichten muß sich hüten vor der Fassung, die ihnen Perez und Berdyczewski gaben, die beide mit ihrem Material durchaus dichterisch frei verfuhren, oder vor der Fassung Bubers (in der Legende des Baalschem und den Geschichten des Rabbi Nachman), die mit dem Geiste indischer und chinesischer Märchen dichterisch durchsetzt ist. So hielten es die meisten früheren Nachsammler der Agadoth; der ernst angelegte Ejn Jaakob hält sich genau an den Urtext, und die volkstümliche kleine Sammlung Maasse Hagdolim übersetzt zwar wie Bialik die fremdesten Worte, bleibt aber sonst ziemlich konsequent beim Urtext. Berdyczewski hat in seiner hebräischen Ausgabe die Geschichten meistens in eigener Sprache nacherzählt, dadurch gewann das Buch an Sprach- und Stileinheitlichkeit, der Sammlung aber gereichte es zum Schaden, weil dadurch die Grenzen, wo der Sammler aufhört und der Dichter beginnt, zu sehr verwischt sind. Eine solche Spracheinheitlichkeit, die nicht im Material liegt, sondern vom Sammler kommt, ist erzwungen und wirkt unecht. Vielleicht lag diesem Buch gar nicht die Absicht zugrunde, ein Quellenbuch zu werden, sondern einfach ein Märchenschatz, und einem solchen ist manches gestattet, was der wissenschaftlichen Sammlung untersagt bleibt. Berdyczewski hat die persisch-arabische Sammlung der 1001 Nacht vorgeschwebt; allein *ur ein selbständiges Buch trägt es wiederum zu sehr den unselbständigen Charakter einer Sammlung, es fehlt ihm das Rahmenwerk der 1001 Nacht und des Decamerone, oder die gewaltsame, aber selbständige Ver¬ Heft 4. & arbeitung des Musäus, die trotz allem manche nacherzählerische Freiheit verantworten kann. Außerdem aber erhebt sich gegen eine solche Art der Behandlung, besonders wenn die Sammlung in der Sprache der Texte hergestellt wird, das schwerwiegende Bedenken: wozu die eine literarische Form in eine andere, ihr wesensfremde zwingen? ist es denkbar, den Inhalt einer Agada wahrer, treffender und auch schöner wiederzugeben, als mit ihren eigenen Worten? Zwischen Stilgattungen, deren Entstehungszeiten Jahrtausende und Klüfte der Kulturunterschiede trennen, kann eine Spracheinheitlichkeit nur durch Gewalt hergestellt werden, unter der der wahre Inhalt zuweilen schwer leidet. Wozu also die abschwächende, abfärbende Nacherzählung? Zwischen der Agada und den von der altitalienischen Novelle angehauchten „Osse pele"-Geschichten, zwischen den kabbalistischen Visionen oder mittelalterlich düsteren Mussargeschichten und den einfältigfrohen Fioretti der Baalschemlegende kann eine Stil- und Spracheinheitlichkeit nur auf Kosten der Wahrheit und auch wohl der Schönheit entstehen, denn was nicht organisch in einen sprachlichen Rahmen gehört, kann nicht künstlich hineingezwängt werden, es fällt sonst entweder wieder heraus, oder die einzelnen Stücke verlieren die letzte Spur eigener Färbung. So sehen wir denn auch hier wieder einmal, daß der schöpferische Dichter den Sammler oft in seiner Sammlertätigkeit unliebsam stört. In Bin Gorions Sammlung „Der Born Judas"*), von der in diesen Tagen der II. Band erscheint, sind glücklicherweise die Stileigenheiten der einzelnen Stücke unangetastet geblieben, indem von jeder Nacherzählung sorgsam abgesehen wurde. Die Übertragung des gesammelten Materials zeugt vom guten Geschmack der Übersetzerin und innigem Verständnis für die einzelnen Stileigenheiten. Sie hält sich nur selten an die starre Konvention, die zum großen Schaden besonders bei Übertragungen aus Sprachen so fremder Geistesart ein für allemal festsetzt, welche Worte und Wendungen denen einer anderen Sprache am besten entsprechen. Die Übertragungstätigkeit erfordert entschluß feste Robustheit, weil im Grunde die exakteste Wiedergabe doch noch eine Vergewaltigung bleibt, denn sie erschöpft entweder den Begriff nicht ganz oder übertrifft ihn um eine Nuance. Darum können Übersetzer nicht genug vor allzu starker Abhängigkeit von *) Im Inselverlag zu Leipzig. 19