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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 4 · p. 280

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 4
Article
Märchensammlungen [Rezension]
Date
1917-01-01
Page
280 (sequence 1)
Language
German
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BUCHERSCHAU Märchensammlungen Das Erzählen war uns mehr als anderen Gottesdienst. Ein biblisches Gebot ist es, die Wunder der ägyptischen Erlösung, ein späteres, verschiedene bedeutende Ereignisse unserer Geschichte in Megilloth niedergelegt zu erzählen, „herzusagen". Die Agada hat selten rein profanen Charakter, und sogar die derbspaßigen Gismaoth des Rabbi bar bar Chana entbehren nicht eines mystisch religiösen Hintergrundes. Das „Lernen" der Agada war eine fromme Tat, die Kabbalisten erzählten sich die Visionen der Meister mit tiefinnerem Erschauern, und den Ghassidim war die Erzählung viel mehr als leichte Erbauung. Nicht selten hat die Agada liturgischen Charakter, wie sie für die Liturgie stark in Anspruch genommen wurde. Darum mußte man ihr, wollte man ihr gerecht werden, ihre Urform lassen und von jedem „Nacherzählen" trotz der Versuchungen absehen. Die Agada ist kein Ausfluß der Fabelfreudigkeit, die sich breit darstellend auslebt, sie wurzelt tief im religiösen Mythos, der sich immer konvulsiv impressionistisch kundgibt. Wie in einer Rembrandtzeichnung ist in ihr jeder Strich ein treffender überzeugender Hieb; Nacherzählungen, und seien 'es die verständnisinnigsten, berühren wie Kopien Rembrandtscher Radierungen und Handzeichnungen, die durch billige Nachschraffierung das „auszuführen" suchen, was der Meister in seiner göttlich sicheren Absichtlichkeit nur andeuten wollte. Ein kurzes, zerhacktes orphisches Gebet darf der Sammler nicht zu einem lyrischen Erguß ausdehnen, eine pointierte Fazetie nicht zur ausladenden Novelle, eine zierliche Novelle nicht zum umständlich breiten Roman; ebensowenig darf er die präzise, scharfförmige Agada in eine ihr wesensfremde Form, zum Beispiel des Märchens zwingen. Aus ähnlicher Erwägung ließ Bialik in seiner Sammlung den Agadoth ihre Urform, nur die fremdesten Worte des talmudischen Idioms und Sätze von allzu fremdartigem Aufbau sind in ein knappes vornehmes Mischna-Hebräisch übertragen worden. Dadurch hat die Agada ihren eigentümlichen Charakter bewahrt, der bei einer noch so behutsamen „Nacherzählung" unvermeidlich verloren ginge, denn eine Agada nacherzählen, heißt den eigensten Charakter dieser Literaturgattung verwischen. Berdyczewski in seiner hebräischen Sammlung, (von der zwei Bände erschienen sind) konnte der Versuchung nicht widerstehen, sein Material nachzuerzählen*). Durch eine Nacherzählung von denkbar größter Treue, der Urform nur wenig entfremdet, entstanden „Märchen" von erstaunlicher Schönheit, allein der eigene Charakter der Agada ist bei dieser leichten Umformung verloren gegangen. Sie entbehren nicht den Reiz fremdartiger Herkunft, aber die Agada, die Sage, die man sich in einer orientalisch pointierten Kürze mitteilt, ist in ihrer abendländischen „assimilierten" Form nicht wieder zu erkennen, wie das einfache deutsche Märchen nicht in den an erzählerhaften Zutaten und erzwungener Komposition leidenden Sammlungen der Musäus und Achim-Brentano. Ideale Märchensammler wurden die Grimms, weil sie die Ehrfurcht des Philologen vor der Nuance, Gebärde des Wortes hatten; und damit muß nicht gleich die peinlich hölzerne Handelskorrespondenz- Genauigkeit verstanden werden, der sich Eliasberg in seiner Sammlung „Sagen polnischer Juden" befleißigt. Poggio setzte sich lieber dem Vorwurf aus, daß er seinem Latein Gewalt antue, es vulgarisiere, als daß er in seiner Fazetiensammlung auf die mindeste Nuance einer volkstümlichen Wendung verzichten sollte, weil bei solchen kurzen Stücken die unscheinbarste Sprachgebärde von Belang, zuweilen sogar gerade das ist, worauf es ankommt, und doch ist bei alldem seine Sprache von größter Zierlichkeit. Nicht weniger wie auf eigene Bearbeitung, muß auch auf kanonisch gewordene Nacherzählung verzichtet werden, wo es sich um Sammlung eigentümlicher Quellen handelt. Die Nacherzählung hat ihr eigenes literarhisto- *) Die teilweise der hebräischen parallelen deutsche Sammlung Bin Gorions „Die Sagen der Juden" (bei Rütten & Loening in Frankfurt) enthält im Gegensatz dazu getreue Übertragungen.

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