Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Saulus
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 278 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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278 Bemerkungen . aber, der sich repräsentierend Ben-Adam, der Mensch schlechthin, und König der Juden . genannt, an den denkt Ritter nicht. Dies ist Herzensschlechtigkeit. Freilich bietet sich in Judas auch ein Repräsentant, der Repräsentant der Welt, die Gott in seinen tausend und abertausend Gestalten aus Holz liefert. Nicht etwa um der Silberstücke willen, sondern um weltlicher Macht willen. Es ist die Tragik gottbegnadeter Größe und Bild unserer Gottgewähltheit, daß wir den Menschensohn nicht allein zeugen, sondern auch richten mußten. Ist hier Einer, der groß und schuldlos genug wäre, uns zu richten? Ein Clemens Ritter sicherlich nicht. Doch wahr ist: der Welt größte Schuld haben wir auf unsere Schultern geladen. Es ist wahr, in Judas verrät die Welt Gott. Wir haben den andern Völkern der Welt wahrlich die Schuld ab- und auf uns genommen, da wir des Menschseins Geschick durch des JeschuaTod erfüllten. . . . „als die mit der absolut größten Weltschuld beladenen." Zaubert dies Wort, dies Wort Clemens Ritters, nicht ein Bild vor deine Augen? Schließe deiner Augen Lider! Du siehst den Menschensohn, der die Sünde seines Volkes auf seine Schultern nahm. Und „die mit der Weltschuld Beladenen", ein Volk von Menschensöhnen mit gebeugten Schultern, tragen für ihre Feinde die Schuld der Welt allein. Hätte ein Christ, als er das sah, nicht staunend gerufen: „Gott als Mensch ist Jeschua, Gott als Geist ist Haschern, Gott als Volk ist Jeschurun." Und ich rufe: „Gott als Geist ist Haschern, Gott als Volk ist Jeschurun, Gott als Mensch bist Dul" — Jeschua ruft mir und meinem Volke : „Ihr seid das Salz der Erde!" Ritter aber sagt, das Volk der Juden sei gerichtet. — „Das Evangelium, das ihnen zuerst dargeboten und von ihnen zurückgewiesen war, wird den Heiden gegeben." Er unterscheidet zwischen: christlich, historisch undmenschlich sprechen. Ist dies christlich gesagt, so bin ich nicht Richter; historisch und menschlich ist es unwahr, denn dargeboten wurde uns das Leben, die Person des Jeschua, den Heiden aber das Evangelium zu geben wurde versucht. Daß die Heiden das Evangelium angenommen, müßten sie in der Zeit erweisen, ohne sich auf Ewigkeiten auszureden. Verwirklicht sich das Evangelium in der Zeit? Kann man sagen, die Heiden hätten es angenommen? 1914, 1915, 1916, 1917!--- Einst kam die Bundeslade in der Philister Hände. Sie sandten sie bald umgeben von fünf goldenen Beulen und fünf goldenen Mäusen zurück. Was sollen wir mit euren goldenen Beulen und goldenen Mäuschen? Die Philister aber hatten gemeint, uns und unserem Gotte sei an den goldenen Beulen und Mäuschen Wunder viel gelegen, wollten sie doch Gott damit versöhnen. In Ritters Proklamation der Juden kümmern sich die Juden um die goldenen Mäuschen und nennen sie gar „messianischer Betrug". Was kümmert uns euer Messias oder eure Beulen und Mäuschen? Nur unsere Bundeslade lasset unangetastet und versuchet sie nicht zur Gerichtslade zu machen, daß ihr saget: das Volk der Juden ist gerichtet. Davon braucht nicht geredet zu werden, ob König David mir und dir nur Schriftsteller ist. Davon braucht nicht gesprochen zu werden zwischen mir und dir, was Moses und die Propheten uns sind. Aber es sei betont, daß der nicht reinen Herzens ist, der als Repräsentanten der alten Juden Jehuda, der Jeschua verriet, wählt und als Repräsentanten der neujüdischen Bewegung ein journalistisches Individuum konstruiert, dem David nur Schriftsteller, Moses und die Propheten Literaten sind. — Der Vorwurf, daß unsere Bewegung ihre Sache nicht auf Gott stelle, greift tief. Aber da sei allen, die jüdische Religiosität an christlicher Konfessionalität messen, gesagt: Unsere Religiosität zielt nicht auf Glauben und Gott-tun-lassen. Unsere Zaddikim würden keinen Zoll höher, wenn sie Absurditäten glaubten. Wir wachsen nicht am Glauben, sondern an der Heiligkeit von Tat, Handlung und Willen. — „Der Blick des Christen wendet sich enttäuscht ab." Nein! Nicht den Blick, die Sache wandte Clemens Ritter und er wandte sie nicht reinen Herzens. Oder sind es nicht Worte der Bosheit, nie von uns gesprochen, die er uns in den Mund legt? Haben wir wirklich jemals von ihm, der sich und uns auf Psalm 82,6 besann: „Ich habe wohl gesagt: Ihr seid Götter und allzumal Kinder des Höchsten!" von ihm, der sprach: „Seid vollkommen wie euer Vater im Himmel", haben wir je von ihm gesagt: „seine Idee, daß er Gottes Sohn sei, ... das war ein kleiner Spleen des großen Mannes!"?