Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Saulus
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 277 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen 277 Gottes Sohn sei, die wollen wir ihm ruhig schenken, das war ein kleiner Spleen des großen Mannes." Dadurch wird das „Urchristentum" zu einer jüdischen Bewegung, die für die Bedeutung des jüdischen Geistes zeugt. Was sich nachher Christentum nannte, behaupten diese Neuen, sei eine „Entstellung und Verzerrung der jüdischer Ideen. So stellt der Jude den Christen vor die furchtbare und lächerliche Alternative: Entweder das „Christentum" hat mit Christus nichts zu tun, oder es ist Judentum." So wird „durch eine einfache Umkehrung" „der herrschende Christ von dem unterdrückten Juden mit einem Schlage depossediert". „Wenn der Glaube des Christen von dieser Welt wäre, stünde alles auf dem Spiel; aber hier braucht und hier kann nicht gestritten werden, denn der gläubige Christ und der ungläubige Jude stehen auf verschiedenen Ebenen." Es kann nur „menschlich" gesprochen werden. Und menschlich gesprochen ist dies der „feige Gedanke eines Wünschers", der sich sowohl an der göttlichen Wirklichkeit Christi als auch an der irdischen Wirklichkeit des Geschehens vorbeidrückt. Dieser Gedanke gibt den Vätern unrecht, „daß sie Christum kreuzigten, und Christo, daß er sich für Gottes Sohn erklärte." „So bleibt für den Christen nur ein trüber Anblick von der Bewegung, die freiwillig so viel ärmer ist, als sie zu sein brauchte." Praktisch werden die Juden der Erneuerung, da sie ohne Gottvertrauen, ohne gemeinsame Geschichte, ohne Gefühl und Sinn für wahre Politeiasindundvielenverschiedenen Sprachen, Völkern und Kulturen angehören, nicht mehr erreichen, als höchstens eine Wirtschaftsorganisation. „Alles Fundierte ist da und alles Fundierende soll noch kommen, das ist eine unwahrscheinliche Situation." Christlich betrachtet, hat der fromme Jude nicht die Möglichkeit, auf Christus zu blicken, dem Unfrommen verwehrt es der Christ. Nur ein Weg, der Weg des Saulus zum Paulus ist also, christlich betrachtet, für den Juden möglich. Aber nur „wenige Einzelne führt Gott auf den Weg nach Damaskus". Dies der Inhalt. — Sollten wir all das nicht lieber mit einem Worte, einem Worte der Verachtung, abtun? Aber ich will nicht wissen, ob Bosheit dieses Dokument eines engen Herzens und engen Sinnes geformt hat Von dem Herausgeber der Summa (Franz Blei ist uns ja nicht ganz unbekannt) wurde es als „Anleitung zu einem lebendigen Wertempfinden" veröffentlicht. Freilich setzt „D. H." an das Ende von Ritters Artikel die Bemerkung, „daß keinerlei landläufiger Antisemitismus Ritters Gedanken in sein Geschwätz requirieren kann und darf". Ist auch nicht nötig, denn Ritters sogenannte Gedanken sind selbst Requisition des landläufigsten „antisemitischen" Geschwätzes. Verkappt, versteckt in scheinbare Theologie. Um so schlimmer. Aus zwei Gründen gehe ich auf Ritters Satzgefüge ein, als wäre es ein Gedankenbau. Erstens weil die Fragestellung nur vertieft zu werden braucht, um für uns Kern zu gewinnen; zweitens weil es selten ist, daß Christen auf religiösem Gebiete so dreiste Worte an uns wagen. Er ist doch nicht ganz daran vorbeigeschlichen, daß wir in unserer Existenz für denChristen ein religiöses Problem sind. Es tut hier nicht not, Argumentationen zu widerlegen, einige Randbemerkungen sollen genügen. Die Grundvoraussetzung Ritters ist: daß Gottes Sohn „unter" den Juden erschienen ist, hebt das Judentum außerzeitlich in unendliche Bedeutung; die Juden haben Gottes Sohn getötet, das bezeichnet ihren Fall und Untergang in der Zeit. (Wenn in der Zeit, warum sind wir noch nicht untergegangen?) Dieser christliche Augenwinkel ist zwiefach kleinsinnig. Zum ersten sollte der Gegensatz im Christen selbst gesucht sein, zum zweiten dünkt mich klein, daß nicht Größe und Fall beide in derselben Dimension gesucht werden. Beide in der Zeit, oder beide in der Ewigkeit. Der Gegensatz zu unserer Größe ist dem Christen nicht, daß wir Jeschua (von Jesus Christus vermag ich nicht zu sprechen) getötet haben. Das könnte uns der Christ verzeihen, fällt es ihm doch nicht ein, auch nur einen Schatten Vorwurfs auf die römischen Henkersknechte fallen zu lassen. Aber daß Jeschua eine Erscheinungsform Jeschuruns, Gottes Sohn ein Personwerden Gottes Lieblingsvolks ist, das verzeiht niemals — der Neid. Freilich, Ritter weiß nur, daß Jeschua „unter" den Juden erschien, daß er der Juden Sprache redete, „denn er machte vollen Ernst mit seiner Menschwerdung". Ja, so vollen Ernst, daß er, der die Härte des Wortes hatte: „Ich bin nicht gesandt, denn nur zu den verlornen Schafen aus dem Hause Jisrael", daß er auch vollen Ernst mit seinem Volke machte, daß er der Kinder Brot nur gnadenweise den Hunden gab. Dennoch sollte nicht Jeschua „Repräsentant" seines Volkes sein? Ritter sucht einen Repräsentanten und findet ihn im Judas, denn „in Judas verrät die Welt Gott". An Jeschua