Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Saulus
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 279 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen 279 Ritters Vorwurf, daß wir nicht Stellung nehmen gegen das Christentum, ist ganz unbegründet. Das Christentum ist Konfession fremder Völker und kümmert uns nicht. Aber unser Blick haftet mit vollem Anteil an Jeschua und Schaul (Saulus-Paulus). Nimmt jedoch in Clemens Ritter das Christentum Stellung gegen uns, und setzt in seiner „Stellungnahme" die Füße so schlecht wie er: in unseren Händen sind blanke Waffen. Es sind noch dieselben Waffen, mit denen einst Saulus die Heiden züchtigte. Grober Irrtum liegt in Ritters Worten: „Durch eine einfache Umkehrung wird der herrschende Christ von dem unterdrückten Juden mit einem Schlag depossediert". War auf religiösem Gebiet jemals der Christ über den Juden herrschend? In gewissem Sinne unterdrückte durch das Evangelium und Schaul, als den Begründer des kirchlichen Christentums, jüdischer Geist den Geist christlicher Völker, aber von Herrschaft kann auch da die Rede nicht sein, denn das Leben Jeschuas hat nicht Herrschaft über das Treiben der christlichen Völker. Man würde erwarten, daß Ritter sagte, wie ihm das „Urchristentum" anderes als jüdische Bewegung ist. Historisch scheint ihm nichts dagegen zu sprechen, (nur „menschlich", was ist da der Unterschied?), sonst würde er nicht sagen, daß alles auf dem Spiel stünde, wenn der Glaube des Christen von dieser Welt wäre. Ist der reinen Herzens, der dort, wo es gälte Tatsachen, die er vorerst fälschte, im Lichte dieser Welt zu betrachten, auf ein Jenseits abspringt, um „menschlich" sprechend fortzufahren, unrechtes Wort auf fälschlich bezichtigendes zu häufen? Clemens Ritter, dessen Glaube nicht mehr von dieser Welt ist, wenn ihm die Erkenntnis entgegentritt: der andere hat recht, er beruft sich auf Jeschua, wenn er es mir „verwehrt auf« Jeschua „zu blicken". Auf Jeschua, der in dieser Welt und in keiner anderen die Heiligung vollbringen lehrte. Auf ihn, dem >,menschlich" sprechen zu göttlicher Wortfülle wurde, weil ihm Menschensohn und Gottsohn eines war. Wohl, wir haben Jeschua ans Holz geheftet; wir, ich und meine Väter; und Clemens Ritter sagt unwahr, daß wir unseren Vätern unrecht geben. Es wäre ja ein Leichtes, der Menschheit Schuld als Rechtsirrtum aufzufassen. Aber auch ihr könnt denen nicht unrecht geben, die Jeschua, dem „es ernst war mit seiner Menschwerdung", so ernst, daß er unter Menschenrecht stand, nach Menschenrecht richteten. Nach Menschenrecht wird jeder gerichtet werden, der, ohne König im irdischen Sinne zu sein, sich eines Volkes König nennt. Nicht darin besteht die Weltsünde, daß Menschenrecht nach Recht und Gerechtigkeit an dem Ben-Adam geübt werde, sondern die Weltsünde ist es, daß Recht not ist, wo Menschen beieinander sind. Recht also hatten ich und meine Väter, da wir Jeschua ans Holz lieferten, und eben das ist meine, unsere tiefe Schuld, daß wir Rechtes und Gerechtigkeit nicht entraten können. Wohl nun, ich habe des Jeschua Leib ans Holz geliefert, du aber, Clemens Ritter, versuchtest seinen Geist zu kreuzigen, da du aus Kreuzestod und Auferstehung Waffen wider diesen Geist schmiedetest. — Ritter weist uns den Weg nach Damaskus, als den einzigen unserer Möglichkeit. Kennete er Schaul, den Gewalttäter, er wiese uns wahrlich nicht diesen Weg. Es hat ein Paulus die Welt schon in Ketten geschlagen, ein zweiter würde sie an diesen Ketten frönen lassen. Wir sprechen ein andermal noch ein Wort vom Wege nach Damaskus.--- Glück der neugebornen „Summa", Glück denen, die sich solcher „Anleitung zu lebendigem Wertempfinden" anvertrauen! — Es ist nicht leicht, einem gefallenen Kameraden harte Worte zu sagen. Aber liegt nicht tiefe Symbolik darin: Clemens Ritter ist im Oktober 1914 an der Marne gefallen. Die Waffe gegen andere Christen in der Hand, ist er von der Waffe eines Bruders in Christo gefallen. Er, der vom christlichen Standpunkt das Volk der Juden gerichtet, unsere Erneuerung entstellt und sodann verworfen, der es uns „verwehrt auf" Jeschua „zu blicken". Klingt es nicht irgendwo: „Die ihr meinen Namen borgtet, warum mordet ihr mich heute in tausend, abertausend Gestalten?" Klingt dies nirgends? Klingen dieses Wort nicht alle Kirchenglocken? Nein, so klingt kein tönendes Erz, keine klingende Schelle. Ernst Elijahu Rappeport