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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 4 · p. 273

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 4
Article
Ein jüdischer Kongress in Österreich
Date
1917-01-01
Page
273 (sequence 6)
Language
German
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Bemerkungen 273 letzte Kraft aufbieten, um bei der kommenden Neuordnung nicht übergangen oder benachteiligt zu werden. Vor welcher ungeheuer verantwortungsvollen Aufgabe die österreichischen Juden stehen, ist damit ersichtlich gemacht. Die Situation, in der sich heute schon die galizischen Juden infolge der angekündigten Sonderstellung Galiziens befinden und die für sie bereits jetzt als bedrohlich gelten muß, liegt auch für die Westjuden nicht gar so außerhalb des Bereiches der Möglichkeit, daß ihre Sorglosigkeit gerechtfertigt wäre. Nicht nur mit den Polen allein, auch mit anderen Völkern der Monarchie wird eine Auseinandersetzung erfolgen müssen, wenn die Österreichischen Juden nicht zwischen den um ihren nationalen Bestand und ihre politische Geltung kämpfenden Völkern zerrieben oder dem Sieger bedingungslos ausgeliefert werden wollen. Wenn die österreichischen Juden auch nach dem Kriege die zahlreichen politischen Dummheiten, die sie bis dahin und während des Krieges begangen haben, fortsetzen und den Weg zur Einigkeit nicht finden werden, dürften sie sich plötzlich einer Einigkeit gegenüber sehen, die im Punkte des Judenhasses auch die erbittertsten politischen Gegner zusammenführen wird. Die frühere, ursprünglich von den Parteien nicht beabsichtigte Folge der Nationalitätenkämpfe: der Jude als der leidtragende Dritte, wird sich in ein bewußt angestrebtes Ziel verwandeln. Angesichts einer solchen Koalition werden die österreichischen Juden vielleicht doch einsehen, wie unhaltbar der aus der vollkommenen Desorganisation des österreichischen Judentums erklärliche Zustand ist, daß jeder Einzelne in ungehemmter „Freiheit" und nach Gutdünken politisch und wirtschaftlich tätig sein kann, ohne besorgen zu müssen, wenigstens durch einen Protest daran erinnert zu werden, daß für seine Handlungen alle Juden verantwortlich gemacht werden und Unschuldige dafür büßen müssen. Bleiben die österreichischen Juden auch weiterhin ohne Zusammenhang untereinander, dann wird wohl der Einheit der allgemeinen Judenfeindschaft eine aus der künftigen poHtischen Lage in Österreich sich ergebende gegen früher gesteigerte Zersplitterung der Judenheit gegenüberstehen. Dann werden die österreichischen Juden vollkommen hillfos und machtlos sein. Ihre Situation wäre dann absolut hoffnungslos. Ist sie es aber nicht auch ohne Zusammenschluß? Welche Macht könnte eine iV2 MilL umfassende Gruppe so gewaltigen Strömungen gegenüber wie der nach dem Kriege zu erwartenden judenfeindlichen bedeuten? Dieses oft gehörte furchtsame und mutlose Argument kann leicht durch den Hinweis nicht nur auf den wirtschaftlichen Einfluß der Juden, der vorläufig unentbehrlich ist, sondern auch auf den oben angedeuteten Zusammenhang zwischen Welt- und Innenpolitik entkräftet werden. Die Juden sind heute ein zweifellos wichtiger Faktor in der Weltpolitik und werden es im Frieden noch mehr sein. Weltpolitische Notwendigkeiten haben sich aber bisher stärker erwiesen als innerpolitische Velleitäten. Hier liegt vielleicht eine der größten Möglichkeiten für eine künftige österreichisch-jüdische Politik, vor allem v/enn man das früher über die politische Konstellation nach dem Kriege Gesagte berücksichtigt. Um wieviel mehr beispielsweise die Bedeutung der russischen und amerikanischen Judenheit wachsen wird, wenn ihr politisches Wollen sich durch eine einheitliche, unanzweifelbare Kundgebung manifestiert hat, ist einleuchtend. Ob und wieweit es gelingen wird, diese Sachlage politisch auszuwerten, wird davon abhängen, ob auch die Österreichischen Juden eine wirkliche Vertretung besitzen werden, die naturgemäß auch wieder für die Juden anderer Länder von hervorragender Bedeutung wäre. Manche andere aus dem erwähnten Gesichtspunkt sich ergebende Perspektive darzustellen, würde zu weit führen. 6. Über die Aufgaben des österreichisch-jüdischen Kongresses brauchen wohl keine Einzelheiten mehr aufgezählt zu werden; es sei diesbezüglich auf die Rundfrage der „Selbstwehr" verwiesen, die folgendes, nicht auf Vollständigkeit Anspruch erhebendes Programm zur Diskussion stellte: außer der vorläufig vertagten Frage der Organisation der israelitischen Religionsgesellschaft in Österreich das Problem einer dauernden Repräsentanz der österreichischen Juden, die wirtschaftliche Hilfeleistung für die durch die antisemitische Bewegung bedrohten jüdischen Existenzen, die Unterstützung der jüdischen Kiiegsopfer, den Wiederaufbau in den Kriegszonen (insbesondere in Galizien), die Erziehung der jüdischen Kriegswaisen sowie die übrigen Probleme der jüdischen Kriegsfürsorge, das Problem der jüdischen Emigration, die Palästina- Kolonisation, die politische Gleichstellung der Juden aller Länder, wo sie ihnen noch vorenthalten wird,und schließlichdie staatsbürgerliche Gleichberechtigung der österreichischen Juden und Abwehr aller gegen diese gerichteten Angriffe. Ferner soll nicht unterlassen werden,

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