Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Ein jüdischer Kongress in Österreich
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 274 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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274 Bemerkungen darauf besonders aufmerksam zu machen, daß wesentlicher als der Kongreß selbst die Kongreßbewegung ist, die viel reichere Kräfte auslösen wird, als es eine kurze Tagung vermag. Und schließlich könnte die Kongreßbewegung auch eine andere sehr brennende Frage der österreichischen Juden lösen, die man vielleicht als die der Reinigung bezeichnen kann: die Absage an jene, die verantwortlich dafür sind, daß man der Feindschaft gegen die Juden kaum mehr als den Vorwurf ungerechter Verallgemeinerung entgegenhalten kann; die diese Feindschaft verdienen, weil sie durch verbrecherische Manipulationen das Geld zusammenrafften, an dem das Blut der Gefallenen und die Tränen der Armen kleben. An einer demokratischen Bewegung werden alle diese verurteilten oder noch und immer in Sicherheit befindlichen Preistreiber und Betrüger nicht teilzunehmen wagen. Im Lichte vollster Öffentlichkeit wären sie bald erkannt. So wird sich die Scheidung zwischen Jude und Mauschel, die so notwendig ist wie die Lösung der vielen und schweren Aufgaben, die der österreichischen Judenheit bereits heute harren, von selbst vollziehen und wir werden keine Verantwortung mehr tragen müssen, die wir nicht tragen können. Albrecht Kellmann Der „Hillelist" Dr. Eleasar Ludwik Zamenhof, der kürzlich in Warschau starb, war ein Eigenbrödler. Er entstammte einer Maskilim-Familie in Bialystok. Sein Vater, Fabian, einer der ersten Kulturvorkämpfer in dieser Stadt, gehörte zu jenen drei auserwählten Juden, die damals zum Unterricht an den staatlichen höheren Lehranstalten zugelassen waren, und wurde Lehrer der deutschen Sprache an dem Veterinärinstitut und der Realschule in Warschau. Ludwik Zamenhof war immer ein Einsamer, ein Träumer und Phantast, der abseits von der breiten Straße der Normalmenschen seinen Weg ging. Schon als Schüler zeigte er diesen Zug. Immer bereit, seinen Kameraden, die er an Fähigkeiten weit überragte, zu helfen, hielt er sich doch von der Gesellschaft der Fröhlichen und Spielenden fern. Sein Sinn stand nach ernsteren Dingen, Gedanken und Probleme beschäftigten ihn und die Frage, wie man wohl die zerklüftete und zerfahrene Menschheit einigen, durch ein Verbindendes alle Mißverständnisse und Differenzen ausschalten könnte, nagte an seiner Seele. In seiner Heimat Bialystok hatte er bemerkt, welches Unheil die Verschiedenheit der Zungen anrichtete. Nicht weniger als vier Sprachen wurden in der Stadt gesprochen, und auf diesen Umstand meinte er alle Unstimmigkeiten nnd Anomalien, alle Spaltungen und Reibungen unter den Bewohnern zurückführen zu können. Und wie hier im kleinen, nicht anders war es im großen im Staate, auf dem ganzen Erdenrund. Nur eine gemeinsame, allen Menschen zugängliche Sprache würde Abhilfe schaffen. Am Gymnasium und an der Universität gärten diese Gedanken in seiner Brust. Die Judenpogrome und Verfolgungen in Rußland, die er voll innerer Anteilnahme miterlebte, bestärkten ihn in seinem Glauben. Schön, man möge die Juden nach Amerika wandern, lassen oder in Zion ihnen eine Heimstätte schaffen, aber diese Verirrungendes Menschengeistes würden doch nicht eher aufhören, bevor nicht die eine Sprache, die Sprache der Menschheit geschaffen sei, durch welche Licht und gegenseitiges Verständnis in den Herzen aufgehen würden. Der Gedanke hatte, ohne zu zünden, doch etwas Bestrickendes. Man verhehlte sich nicht seine Schwächen und die aus dem Wesen kosmopolitischer Gleichmacherei entspringenden Einwände; aber überall fanden sich Leute, die dem Weckruf des ,,Dr. Esperanto" (unter diesem Namen schrieb er sein erstes Werk über die Weltsprache im Jahre 1887) folgten. In Europa und Amerika wurden Vereinigungen für Esperanto gegründet, neun Kongresse abgehalten, diejbedeutendsten Werke der Weltliteratur übersetzt, mehr als 20 Zeitungen herausgegeben. Zamenhof selbst wurde Gegenstand mannigfacher Ehrenbezeigungen, und man prägte sogar Münzen mit seinem Bilde. Nur in seiner engeren Heimat, in Polen, galt auch dieser Prophet nichts; die antisemitischen Blätter wiesen höhnisch auf den nationslosen „Juden", der solch eine absurde Idee ausgeheckt hatte. Zamenhof aber blieb der Einsame, der er immer gewesen war, der vielbeschäftigte, humane Augenarzt, der Reiche und Arme mit gleicher Hingebung behandelte, der stets hilfsbereite Freund der Ghettobewohner, in deren Mitte er lebte, die er liebte und doch wieder mied, der berühmte Unbekannte, der Künder und Seher einer glücklicheren Zeit, die trotz Judenboykott und Weltkrieg kommen müßte, und in der die neue Sprache die Menschheit zu beglückender Kulturarbeit einigen würde. Auch die Judenfrage hatte Zamenhof in seinen Interessenkreis gezogen. Nicht allein daß er der palästinophilen Bewegung zeitweise angehörte und Mitbegründer der ersten