Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Ein jüdischer Kongress in Österreich
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 272 (sequence 5)
- Language
- German
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272 Bemerkungen einiger Sicherheit aus ihr sich ergebenden Möglichkeiten zu vergegenwärtigen. Seit fast drei Jahren stand die politische Magnetnadel, die mit ihrem Mittelpunkt im geographischen Zentrum Europas (das ungefähr bei Prag zu suchen ist; und es ist seltsam, wie diese leidenschaftlich aufgewühlte, beispiellose Stadt im Herzen Europas auch das europäische Problem, den Weltkrieg und die Möglichkeit eines europäischen Friedens in nuce enthält) als unbeweglicher Fixpunkt ruht, starr in einer Richtung: sie wies von Südost nach Nordwest Diese Linie bezeichnet die heutige Bruchstelle des abendländischen Kontinents, die sich bis an den persischen Golf fortsetzt. Im März dieses Jahres aber geriet die Magnetnadel ins Schwanken. Durch die große russische Erschütterung ist im Osten ein gewaltiges magnetisches Lager entstanden,' dessen Kraftwellen in außergewöhnlicher Stärke[über die ganze Erde strahlen. Die „demokratische Welle", die über Mitteleuropa ging, die drei Zentralländer Deutschland, Österreich und Ungarn magnetisierte und mit einem Ruck allerlei hinwegschwemmte, wogegen jahrelang vergeblich angekämpft worden war — politische Systeme und Staatsmänner, die früher als die zuverlässigsten „Stützen" des Staates galten —, hat das unruhige Zittern der Magnetnadel seit März verursacht. Noch zwingt sie das Schwert zu beiden Seiten in ihrer alten Richtung zu verharren, aber sobald der Friedensgedanke der Demokratie gesiegt haben wird (jeder andere Sieg ist eine Niederlage), wird das Östliche Kraftzentrum frei wirken können. Eine neue Einstellung der politischen Magnetnadel wird erfolgen. Heute hat es fast den Anschein, als ob ihre zukünftige Richtung der früheren entgegengesetzt sein wird: von Südwest nach Nordost. Die von Osten ausgehende Anziehungskraft ist vorläufig stark genug, um eine so umwälzende Wendung möglich erscheinen zu lassen. Hat doch in Rußland die Demokratie bereits auch diebürgerlicheForm des absolutistischen, zügellosen und hemmungslos „freien" Herrschaftsprinzips, den annektierenden, assimilierenden und kriegerischen Liberalismus überwunden. Nebenbei bemerkt, zeigt sich hier auch die Berechtigung der früheren Behauptung, daß der Weltkrieg nichts anderes als der äußerste Exzeß der liberalen Idee ist. In allen Ländern sind die liberalen Parteien die eigentlichen Kriegsparteien. Nichts kann daher mehr die in den Einleitungssätzen dieses Aufsatzes erwähnte Begriffsverwirrung erhöhen, als wenn diese Parteien sich demokratisch nennen. Eines steht bereits heute fest: vor der großen Bedeutung der russischen Revolution verblassen alle anderen politischen Verschiebungen dieses Weltkriegs, die, wenn nicht überhaupt rein zufälliger Art, das bereits seit längerer Zeit voraussehbare Resultat der politischen Entwicklung der letzten Jahre sind. Zweifellos wird sich hauptsächlich an der überragenden Tatsache der russischen Umwälzung, die so ziemlich alle bisherigen politischen Konstruktionen über den Haufen warf, die künftige Weltpolitik orientieren müssen. Doch jene Prophezeiung, die statt des früher erwarteten „Tags des Deutschen" bereits den „Tag des Slaven" heraufdämmern sieht, ist vielleicht zu kühn und übertrieben. Vielmehr kann mit einiger Sicherheit angenommen werden, daß nach der Beendigung des heutigen Kampfes das demokratische Rußland noch vor schweren inneren Kämpfen stehen wird. Aber mit noch weit größerer Wahrscheinlichkeit läßt sich heute bereits voraussehen, daß manches Staatsschiff, dem der Kompaß jetzt eine ganz [andere Fahrtrichtung weist, sich dorthin wenden wird, wohin die Magnetnadel das Schiff auf dem weiten Meer der Weltpolitik führen wird. Wie sehr äußere und innere Politik zusammenhängen,hat der Weltkrieg wiederum deutlichgemacht. Eine bedeutendere Änderung des außenpolitischen Kurses wird daher auch die innerpolitische Situation sehr erheblich verändern müssen. Es wird nach dem Kriege in fast [allen kriegführenden Ländern zu einer Neuordnung im Inneren kommen. Daß die Tendenzen dieser Neuorientierung besonders in einem Nationalitätenstaate mit denen seiner äußeren Politik parallel laufen müssen, ist zwar nicht unbedingt notwendig, erscheint jedoch so sehr als ein Gebot primitivster politischer Einsicht, daß ein Schluß von Außen auf Innen unschwer wird gezogen werden können. Heftiger als je werden die nationalen und Parteikämpfe wieder entbrennen, und wir müssen für die dem Friedensschluß unmittelbar folgenden Jahre mit einem gewaltig gesteigerten politischen Leben in allen Ländern rechnen. So werden insbesondere in Österreich, dessen innerpolitische Struktur die tiefgreifendsten Veränderungen erfahren wird — eine Bestätigung hierfür sind die bereits zitierte Thronrede Kaiser Karls, die „eine Ausgestaltung der verfassungs- und verwaltungsrechtlichen Grundlagen des gesamten öffentlichen Lebens" ankündigt, und die auf Verfassungsänderungen abzielenden staatsrechtlichen Erklärungen bei der Eröffnung des Parlaments —, alle Völker ihre