Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Ein jüdischer Kongress in Österreich
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 271 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101126-3101130-3102170--1567-3102249- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Bemerkungen 271 „jüdischen" Kettenhandels und Kriegswuchers dürfte der jüdische Advokat gleichermaßen verspüren wie der daran ebenso unschuldige jüdische Arzt. Ob die „demokratische Welle" sich wieder verlaufen wird, kann niemand voraussagen. Sicher ist jedoch, daß sie auf Widerstand, auf Reaktion stoßen wird, und diese reaktionäre Welle wird die antisemitische sein. Nicht das „Österreichische Reiterlied", sondern das schon jetzt von der antisemitischen Presse, auf der Straße, überall in allen Tonarten erklingende Lied vom jüdischen Wucher wird den Weltkrieg überdauern. Jeder Jude, der nicht mit zerschossenen Gliedern aus dem Kriege heimkehrt, wird zeitlebens als Inkarnation der jüdischen Drückebergerei herumwandeln müssen; und selbst die jüdischen Krüppel werden zu hören bekommen, daß ihre Verletzungen auch nur eine minder geschickte jüdische Art seien, sich vor dem Tode zu drücken. Daß dagegen die Gefallenen auch für die Antisemiten nicht existieren werden, erklärt sich schon einfacher aus ihrem entsprechenden Zustand. Wo es sich um Lebensfragen handelt, hört zumeist das träge Geschehenlassen auf. Es fragt sich nur, in welchem Zeitpunkt die Erkenntnis dieser Lebensfrage kommt. Im Weltkrieg kam die Einsicht, daß die Politik eine Lebensfrage jedes Einzelnen, im buchstäblichen Sinne des Wortes, ist, zu spät: die Katastrophe war da. Alles Geschrei von Politisierung und Aktivismus nachher ist sehr billig. Der notwendige Zusammenschluß der österreichischen Juden, welcher das einzige Mittel ist, der drohenden Gefahr zu begegnen, da auf Hilfe von außen weder zu rechnen ist noch diese die Gefahr bannen könnte, wird kommen: nicht von oben, von den „Spitzen", den Notabeln her, sondern von unten, vom „Fundament'*, von den breiten Schichten, die die Entscheidung in einer entscheidenden Frage nicht denen anvertrauen werden, die so ernsthaft wie sie nicht bedroht sind. Eine demokratische jüdische Bewegung in Österreich wird früher oder später kommen. Doch ob zu spät oder noch zur rechten Zeit, wird sich in den nächsten Monaten entscheiden. Schon spät genug hat die Prager jüdische Wochenschrift „Selbstwehr" den Zusammenschluß der österreichischen Juden im Wege eines österreichisch - jüdischen Kongresses gefordert und durch eine Rundfrage die öffentliche Diskussion auf einer breiten Grundlage ermöglicht. Daß die meisten Notabein, die sich an dieser Enquete beteiligten, den Kongreßgedanken, den Gedanken der jüdischen Demokratie, ablehnen würden, war vorauszusehen. Nicht anders war es ja in Amerika. Ob diese Notabein sich dann — wenn die Kongreßbewegung stark genug sein und immer rascher wachsen wird — dieser schließlich anschließen werden müssen, wenn sie ihre führende Stellung nicht verlieren wollen, wie das amerikanische Beispiel zeigt, oder ob ihr politischer Sinn schon früher genug entwickelt sein wird, um ihnen zu sagen, daß die Politik der vertraulichen Besprechungen, der repräsentativen Interventionen, der heimlichen Bittprozessionen im österreichischen Judentum ebenso abgewirtschaftet hat wie in der österreichischen Innenpolitik, — das wird sich bald erweisen. Daß man auf dem alten Wege des „laissez faire, laissez aller" nicht mehr weiter kommt, beweist auf das schlagendste eine Bemerkung der führenden Persönlichkeit der Prager Juden, des kais. Rates Robert von Fuchs, der betonte, daß es nicht gelungen sei, auch nur ein aus zehn Repräsentanten des österreichischen Judentums bestehendes Komitee zur Durchführung der zahlreichen Zukunftsaufgaben zusammenzubringen. „Die meisten Männer, die öffentlich wirken, haben andere Ziele vor Augen und sind durch ihren Beruf oder andere Interessen derart in Anspruch genommen, daß ihnen keine Zeit übrigbleibt, sich mit der Judenfrage zu beschäftigen." Wo eben die Verantwortung vor der Öffentlichkeit und die demokratische Kontrolle fehlt, herrschen „Geschäft und Vergnügen" unumschränkt und zählt das Judentum, wenn überhaupt, zum Vergnügen. Vielleicht veranlassen aber die jüngsten Ereignisse in der Welt- und der Innenpolitik aller Länder die Notabein der österreichischen Judenheit doch zum Nachdenken. Gerade in Österreich ist der demokratische Gedanke viel weniger fremd gewesen als in anderen Ländern, wenn er hier auch oft genug korrumpiert wurde. (Und es ist ein deutliches Zeichen der Zeit, wenn der österreichische Kaiser in seiner Thronrede von dem „Geiste jener wahren Demokratie" spricht, in welchem er regieren wolle.) Eine psychologische Voraussetzung zum Umlernen wäre also gegeben. 5. Um die politische Bedeutung eines österreichisch-jüdischen Kongresses insbesondere für die österreichischen Juden selbst und im weiteren auch für die allgemeine Judenfrage in ihrer fast gesetzmäßigen, territorial nicht zu durchbrechenden Einheit ermessen zu können, ist es wünschenswert, sich die augenblickliche politische Weltlage und die mit