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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 4 · p. 270

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 4
Article
Ein jüdischer Kongress in Österreich
Date
1917-01-01
Page
270 (sequence 3)
Language
German
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270 Bemerkungen bewegung zu werden, Ideen kosten Geld und machen nicht satt: das ist der absolut verwerfliche Standpunkt der Satten und der wenigstens verständliche Standpunkt der Hungernden. Außerhalb des Zusammenhangs dieser Darstellung sei nur noch darauf hingewiesen, daß hier der Punkt ist, von dem aus die zionistische Landespolitik und Gegenwartsarbeit zu verstehen und eine gewisse Ideologie der letzten Zeit, die diese Lebensinteressen nicht nur zum überwiegenden Teile verkennt, neue konstruiert, die es gar nicht sind, sondern auch den wirklichen auf ganz und gar unwirklichem Wege gerecht werden will, abzulehnen ist. 3- Gibt es nun einen jüdischen Aspekt, unter dem diese Lebensinteressen betrachtet werden können, besteht zwischen ihnen und dem Judentum ihrer Träger eine wesentliche Verbindung? Wesentlich wäre diese Beziehung aber nur dann, wenn sie in der Richtung dieser Interessen wirksam wäre und auf sie einen entscheidenden Einfluß ausübte. Mit anderen Worten: wo berühren sich Lebensinteresse und jüdisches Interesse des Einzelnen auf das engste? Im Osten ist die unnatürliche Lage des jüdischen Volkes doch noch natürlich genug, daß wenigstens die Not des Juden jüdische Not ist; der Ostjude leidet, weil er Jude ist, wäre er es nicht, wäre sein Elend ein anderes oder nicht vorhanden; sein Einzelschicksal ist mit dem Volksgeschick untrennbar verknüpft, ebenso wie Glück und Unglück jedes einzelnen Deutschen nicht von der glücklichen und unglücklichen politischen und ökonomischen Lage des deutschen Volkes zu trennen sind. Im Westen jedoch fehlt sogar dieser letzte Rest normalen Volkslebens: die Anormalität. Die einzige Tatsache, welche das Lebensinteresse des Westjuden in wesentlicher Beziehung mit dem Judentum verbindet, ist bezeichnenderweise eine nichtjüdische, ja sogar eine antijüdische: der Antisemitismus. Der Antisemitismus beeinträchtigt sowohl das „Geschäft" (wirtschaftlicher Boykott, Bevorzugung oder alleinige Aufnahme christlicher Bewerber in vielen Berufen und Einzelfällen, behördlicher Antisemitismus, Ausschluß von der Staatsbeamten- und Offizierskarriere usw.) wie das „Vergnügen" (judenreine Sommerfrischen, Hotels, Institute, Vereine; gesellschaftliche Demütigungen, Satisfaktionsunfähigkeit des jüdischen Studenten, Unmöglichkeit Reserveoffizier zu werden, usw.). Das Judentum des Westens st also im allgemeinen ein Judentum von Gnaden des Antisemitismus. Es ist daher nicht zu begreifen, wie diejenigen Westjuden, die Juden bleiben wollen, ohne Juden zu werden, den Antisemitismus bekämpfen können, der doch die einzige Tatsache von einiger jüdischer Relevanz für sie ist. Doch dies nur nebenbei. Das Problem des Antisemitismus und seine Bekämpfung ist trotz der hier angedeuteten inneren Inkonsequenz zwischen beiden eine Lebensfrage des Westjuden, die einzige jüdische Lebensfrage im Westen. 4. Der Krieg hat den Antisemitismus im Westen und die Not im Osten ins Ungeheure anschwellen lassen. Auf die Ursachen sei hier nicht weiter eingegangen. Die Ostjuden haben als Juden im Kriege gelitten und die Westjuden werden als Juden nach dem Kriege leiden. Nicht nur das Volk ist heute bedroht, sondern auch der Einzelne. Wie vielleicht noch nie zuvor seit der Emanzipationszeit wird die Judenfrage nach dem Kriege ebenso eine Frage des jüdischen Individuums wie des jüdischen Volkes sein. Und in keinem Lande finden sich beide Erscheinungsformen der Judenfrage: Judennot und Judenhaß, so vereint wie in Österreich, wo sowohl Ostjuden wie Westjuden in größerer Anzahl wohnen. Hier hat nicht nur das — „verdiente" und „unverdiente" — Reichwerden bestimmter, stark mit Juden durchsetzter Berufskategorien und die Armut und Not der Flüchtlinge den Judenhaß, sondern auch der (russische und polnische) Judenhaß die Judennot im Osten hervorgerufen. Die notwendige Folge des Prinzips des „jüdischen" Liberalismus vom Kampf aller gegen alle, der sich immer sehr bald in den weit vorteilhafteren und sichereren Kampf der Starken gegen die Schwachen verwandelt — man denke an die Kapitalskonzentration, die Trusts, Kartelle und Zweckverbände, die Aufsaugung der Kleinbetriebe die Börse, die ungerechte Verteilung der direkten und indirekten Steuern usw. — diese notwendige Folge werden auch die Juden selbst zu spüren bekommen: den Kampf aller gegen die Juden. Der Jude auf dem böhmischen und mährischen Flachland steht vor derselben Gefahr wie der Jude im verwüsteten Ostgalizien, das jüdische Kind in Wien und Prag wird mit dem gleichen qualvoll zuckenden Weh des ersten großen Schmerzes eine Atmosphäre des Hasses und Hohnes ertragen müssen wie das jüdische Kind in Lemberg und Czernowitz, der Kleinkaufmann im Westen wird ebenso bedroht sein wie der Hausierer im Osten und die Wirkungen des

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