Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Ein jüdischer Kongress in Österreich
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 269 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101126-3101130-3102170--1565-3102247- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Bemerkungen 269 kratische Welle* * eine gemeinsame psychologische Wurzel haben muß, welche diese für alle Länder gleiche Erscheinung erklärt, steht außer Zweifel. Man hat auf den sogenannten „Schützengrabengeist" hingewiesen, der durch das Zusammensein von Reich und Arm, Adlig und Bürgerlich, das Teilen der gemeinsamen Gefahr entstanden sei; dieser „Schützengrabengeist" scheint jedoch eine der vielen Erfindungen des phantasieerregten Hinterlandes zu sein. Die Erklärung liegt tiefer. Das Bewußtsein der Gleichwertigkeit jedes Menschenlebens entstammt dem Gefühle der Gleichheit aller Menschen vor dem Tode. Keiner muß weniger hingeben als ein andrer, wenn beide fallen, weil keiner mehr hingeben kann als sein Leben. Der Aristokrat opfert wie der Proletarier sein Wertvollstes und an sich betrachtet ist das Leben des einen so wertvoll wie des andern. Nichts anderes aber ist der Gedanke der Demokratie, der Gedanke von der Gleichheit des menschlichen Seins. 2. Es kann hier nicht untersucht werden, ob und inwieweit der Gedanke der Demokratie hinreicht, um ein anderes Zusammenleben der Einzelnen und der Völker als das bisherige Gegeneinanderleben zu ermöglichen. Nur soviel ist klar, daß die Demokratie in der hier von ihr entwickelten Auffassung der Friedensgedanke kat exochen ist; der Weltfriede wird daher nicht von Dauer sein, wenn dieser Friede nichts anderes als der heimlichere, nicht so sichtbare und zeitlich und räumlich so komprimierte Weltkrieg, die alte politische und wirtschaftliche Form der schrankenlosesten Vergewaltigung und brutalen Machtkonzentration aus den Jahren vor Kriegsausbruch bleiben, wenn die demokratische Idee zum mindesten nicht teilweise verwirklicht wird. Auch darauf kann in diesem Zusammenhang nicht näher eingegangen werden, wie sich der demokratische Gedanke zu der ewigen Idee des Judentums verhält. Betrachtet man aber das Gesamtbild des europäisch-amerikanischen Judentums seit der Emanzipation, so bedarf es wohl nicht erst eines ausdrücklichen Hinweises, um zu erkennen, wie schroff entgegengesetzt <h'e politische Struktur dieses neuzeitlichen Judentums (von dem zu behaupten, es habe von den Judentümern aller Reiten am wenigsten mit der zeitlosen Idee «esi Judentums etwas gemein, keine Übertreibung ist) der demokratischen Grundform entgegengesetzt ist. Psychologisch ist diese Erscheinung wohl auf die rein formale Emanzipation von außen her, die vielfach statt gleichen Rechts für alle, also auch die Juden, nur gleiches Unrecht für die Juden brachte und der keine innere Emanzipation folgte, zurückzuführen. So sehen wir in keiner anderen Volksgruppe das System der Bevormundung, der selbstherrlichen Autokratie, die Politik derNotabelnherrschaft und der Wohltaten (statt der Rechte), das Prinzip der Vertraulichkeit statt der Öffentlichkeit, den Grundsatz der plutokrakratischen Repräsentation an Stelle der geistigen Führerschaft in solch krasser Art herrschen wie in der Judenheit aller Länder. Man darf;sich nicht vortäuschen, daß der Zionismus, die ihrem Wesen nach gegenwärtig einzige alljüdische demokratische Bewegung, hierin etwas geändert habe. DieWahrheit muß einmal in vollster Deutlichkeit ausgesprochen werden, daß der Zionismus keine Volksbewegung ist und es bisher nicht sein konnte. Trotzdem der Zionismus von seinem Beginn als politische, organisierte Bewegung an in radikalster Weise demokratisch angelegt war — wie hat beispielsweise Herzl immer wieder das Element der Öffentlichkeit in der zionistischen Politik betont! —, konnte er die großen Massen nicht ergreifen, weil deren Lebensinteressen, die Interessen ihres persönlichen Lebens, von ihm nicht berührt werden. Welches sind nun diese Lebensinteressen der breiten jüdischen Schichten des Westens und der großen Judenmassen des Ostens? Für den Westen können sie nicht kürzer und prägnanter — grauenvoll, diese Prägnanz! — bezeichnet werden als in den drei Worten, die mir einst ein junger Westjude des bekannten Durchschnitts, fast noch ein Knabe, zur Antwort gab, als ich ihn fragte, was er sich unter dem Leben vorstelle: „Geschäft und Vergnügen". Auch hier ist der Osten ärmer, d. h. wie so oft: reicher, als der Westen; sein Lebensinteresse ist das Leben schlechthin, das nackte Leben. Das Vergnügen bleibt dem Ostjuden erspart und dem Westjuden vorbehalten, der Erwerb allein macht den materiellen Inhalt seines Lebens aus. Der andere Pol, um den das Dasein des Ostjuden schwingt, ist die Relig'on, also der Geist, wenn auch oft genug mißbrauchter und ertöteter Geist. Da nun der Zionismus im allgemeinen dem Geschäfte nur abträglich und mit Ausnahme der sogenannten Propagandamittel der Studentenbälle und Makkabäerfeiern dem Vergnügen nur wenig dienlich war, den verelendeten Judenmassen des Ostens aber bisher wenig mehr als eine bald stärkere, bald schwächere Hoffnung bedeuten konnte, war es für ihn unmöglich, eine Volks-