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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 4 · p. 268

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 4
Article
Ein jüdischer Kongress in Österreich
Date
1917-01-01
Page
268 (sequence 1)
Language
German
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BEMERKUNGEN Ein jüdischer Kongreß in Österreich . i. Immer deutlicher scheint sich aus dem grenzenlosen Chaos der heutigen Menschheit ein Gedanke emporzuringen, der vielleicht für die nächste Zukunft des aus dem 'katastrophalen Zusammenbruch dieses [Weltkrieges erstehenden, aus unerhörten Leiden, maßloser Verzweiflung und ungeheuerster Kraftanstrengung sich gebärenden Geistes bestimmend sein wird: der Gedanke der Demokratie. Selten ist mit einem Worte ein ärgerer Mißbrauch getrieben worden als mit diesem, kaum eine Idee wurde so häufig [und beharrlich mißverstanden als die in ihm jausgedrückte, und nur wenige Begriffe dürfte es geben, mit denen so viel Verschiedenes und Gegensätzliches gemeint wird. Eine der gebräuchlichsten Auffassungen ist die aus der philologischen Deutung des Wortes stammende: die Demokratie erstrebt die „Volksherrschaft**, wobei man [unter dem Demos nicht die Volksgesamtheit, sondern die breiten Volksmassen versteht. Die Konsequenz hieraus ist der Klassenkampf der Sozialdemokratie: die Massen wollen zur Herrschaft gelangen, Anteil an der Regierung haben. Allein das Prinzip der Herrschaft, der Überordnung, der reinen Gewalt, der Absonderung und des unaufhörlichen Kampfes widerspricht dem Wesen der Demokratie durchaus. Die demokratische Idee ist nichts anderes als der Gedanke von der Gleichheit aller Menschen, von dem unverlierbaren Werte jeder Menschenseele und der Autonomie, der [nur qualitativ zu wertenden Eigengesetzlichkeit der Person. „Über alle Unterschiede der Individuen gibt sich der Gedanke von der Gleichheit aller als Menschenwesen kund. Und wie die Wertung des Mitmenschen, so auch die seiner Handlungen und Erzeugnisse. Das Interesse geht vornehmlich auf das Eigenartig-Menschliche im Schaffen und Erschaffenen. Aus dem Tun schaut immer noch der Mensch heraus, die Eigenschaft, das unentäußerte »Attribut* tritt in den Vordergrund." „Du und ich, beide tragen wir das Antlitz des Menschen, und was wir tun und vollbringen, ist noch menschlich, zeugt von Menschenart und ist daher unersetzbar, gilt ohne Rücksicht auf irgendwelche fremde Mächte** (David Koigen). Das dichterische Korrelat dieser Erkenntnis geben die folgenden Verse Franz Werf eis: „Und daß dir gebührt, was allen gebührt, Und du verwandt bist zum endlichen Tag! Du bist nicht verkürzt um den Adel des Leids. Und schon weil du bist, bist du gleich. So sei stolz!" Die demokratische Verhaltungsweise ist der polare Gegensatz der liberalen, des individualistisch-oligarchischen, assimilierenden und unterordnenden Machtprinzips mit seinem bindungslosen, „natürlichen** Spiel aller Kräfte, dem „Kampf aller gegen alle**, dessen Idealisierung der freie Wettbewerb genannt wird. Und immer tiefere Einsicht macht mit Recht den extremen, ungehemmten Liberalismus, den politischen und ökonomischen Grundgedanken der letzten Jahrhunderthälfte, für den Weltkrieg, seinen äußersten, ins Wahnwitzige übersteigerten Exzess, der auch seinen Todeskrampf bedeutet, verantwortlich. Darum kann der demokratische Freiheitsbegriff nicht deutlich genug von dem liberalen unterschieden werden; den Unterschied bezeichnet am besten das Nietzschewort von der „Freiheit wozu*' im Gegensatz zur „Freiheit wovon**. Dem schrankenlos gelösten, atomisierten, entweder herrschenden foder dienenden Individuum steht das dem kategorischen Imperativ unterworfene, dem zum allgemeinen Gesetz erhobenen sittlichen Gesetz im Einzelnen sich beugende, in^der Autonomie der Nation sich wiederfindende autonome Selbst gegenüber. Es ist klar, daß der Demokratie, deren Idee hier in ihrem reinsten, in Wirklichkeit nie so unverwischt zu findenden Sinne gefaßt wurde, jede Vergewaltigung, Annexion und künstliche Assimilation fremd bleiben muß. Gleichheit ist nicht Gleichartigkeit und Gleichmacherei, sondern gleiches Recht, also auch Unangreifbarkeit und Unverletzlichkeit der unzerstörbaren Eigenart. Die Freiheit der Demokratie uniformiert nicht wie der Mißbrauch der Freiheit durch die liberal-kapitalistischeAristokratie (um nur diese zu nennen). Daß die jetzt um die Erde lauf ende „demo-

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