Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Erzählung vom Toraschreiber
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 263 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Erzählung vom Toraschreiber 263 war wie Feuer. Die Frauen streckten den Kopf durch die Fenster ihres Raumes in das Bethaus hinein, und sie blieben hängen wie eine Schar Tauben auf dem Gesims einer Mauer. Und Raphael hält die Torarolle an der Brust und geht an der Spitze, nnd alle Jünglinge gehen ihm nach rings um den Almemor. Da bricht ein kleines Mädchen zwischen die Füße der Tanzenden herein, springt gegen Raphael und versenkt ihre beiden roten Lippen in den weißen Umhang der Rolle, und sie küßt sie mit den Küssen ihres Mundes und umklammert sie mit beiden Händen. Die Fahne fällt ihr aus der Hand, und die Kerze gleitet auf seinen Mantel. Raphael sieht das Mädchen und er fühlt das Feuer, aber er hat nicht mehr die Kraft, zurückzuschrecken. Nach dem Getümmel des Festes zog sein Vater den Vater des Mädchens wegen des Mantels vor den Rabbi. Der Rabbi lächelte und sprach: „Zum Tage ihrer Hochzeit ist es sicher recht und billig, daß der Vater des Mädchens dem Bräutigam einen neuen Mantel macht." Und alsbald holten sie eine Flasche Wein und taten einen Handschlag und schrieben den Heiratsvertrag und rührten sich nicht vom Trinken fort, bis der Schneider kam und ein neues Gewand nähte. Siehe, wir schrieben die Geschichte der Melodie. Und Raphael umkreist den Almemor, und süße Melodien ziehen sich aus seinem Munde. Und seine Stimme ist weich und traurig und geht und zieht sich hin und sänftigt die Sinne und weckt die Seele, sich zu erheben und den Tanz der Gottesglorie zu tanzen. Dieser Tanz, ohne Stimme und ohne Bewegung, hat keine Rede und keine Worte, und nicht einmal Schläfenlocken und Bart rühren sich im Schreiten, und nur die Schaufäden tropfen auf die Knie und streicheln das Fleisch. Und Stille steigt ins Haus herab, die Füße sind stumm, die Hände schweigen, und die Jungfrauen kommen aus ihrem Raum heraus, Mädchen nach Mädchen, und sie steigen auf den Stiegen zum Bethaus herab; zum Tanz der Jünglinge streben sie hin, Mädchen nach Mädchen, und die Jünglinge kreisen und gehen und umkreisen den Almemor. Und die Mädchen strecken die Spitzen ihrer Finger gegen die Torarollen, die in den Händen der Jünglinge sind. Die letzten Sonnenstrahlen schimmern durch die Spalten der Läden, auf ein weißes Kleid zittert ein rötlicher Lichtstrahl. Raphael schreitet dem Angesicht Mirjams gegenüber, und schweigend neigt er seine Gestalt mit der Torarolle gegen Mirjam. Ihr Gesicht sieht er nicht. Sie ist ganz in ihr Hochzeitskleid eingekauert. Das Kleid raschelt auf seinem Mantel. Aber siehe, das Hochzeitskleid hat er doch vor einer Stunde aus dem Kleiderschrank der Toten genommen, einen Vorhang für die heilige Lade daraus zu machen! Raphael naht sich dem Schrank, zu sehen, ob das Kleid noch dort ist. Als er aber hinkam, denkt er nicht mehr, warum und wozu er ging. Seine Augen sind in die schwarze Höhlung des Schrankes gerichtet. Ein kleiner Beutel leuchtet vor ihm auf. Raphael greift nach dem Beutel, und seine Hände träufeln Erde aus dem Lande Israels auf den Boden des Hauses. Nur wenig ist von der Erde im Beutel, denn die Hälfte gab er in das Grab Mirjams, seines Weibes, ^r zu Häupten. Sein Innerstes erzittert davor: Auf heiliger Erde wird er tanzen.